Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 20.01.2019


Kino

“Glass“: Was nicht passt, wird passend gemacht

Durchwachsen: Mit „Glass“ führt Regisseur M. Night Shyamalan seine Erfolgsfilme „Unbreakable“ und „Split“ zusammen.

Drei Übermenschen in der Anstalt: Samuel L. Jackson, James McAvoy und Bruce Willis in „Glass“.

© DisneyDrei Übermenschen in der Anstalt: Samuel L. Jackson, James McAvoy und Bruce Willis in „Glass“.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Mystery ist ein diffiziles Genre. Nicht ganz Thriller und doch auch nicht roh wie ein Horrorfilm, setzt es oft auf ganz psychologisch-intellektuelle Weise auf die detektivische Lösung eines großen Fragezeichens einer Geschichte. Der Höhe­punkt fällt mit der Antwort am Ende eines Films zusammen. Fortsetzungen oder Wiederholungen sind naturgemäß schwierig bis unmöglich. Ergo: Das Genre hat dieser Tage einen schweren Stand.

Filmemacher M. Night Shyamalan („The Sixth Sense“) galt einst als König der modernen Myster­y – und nun versucht er mit „Glass“ die Quadratur des Kreises: ein Mystery-Franchise.

Ab der Jahrtausendwende faszinierte Shyamalan mit rätselhaften Knobelfilmen wie „Signs“ (2002) oder „The Villag­e“ (2004). Erprobt hat er mit seinen bisweilen hanebüchenen Plots vornehmlich eines: Wenn der Twist am Ende angemessen irre ist, verzeiht das Kinopublikum selbst unwahrscheinlichste Unwahrscheinlichkeit. Deshalb allerdings altern M. Night Shyamalans Film­e schlecht. Wenn man die Wendung kennt, ist beim Wiedersehen alle Luft draußen.

In Night Shyamalans zweiter Kinoarbeit „Unbreakable“ (2000) lernt der von Bruce Willis gespielte Held, dass er ein unzerstörbarer Supermensch ist. Als einziger Überlebender eines Zugunfalls musste er am End­e dem Verursacher und seinem Widerpart ins Auge sehen: Elijah Price ist der hochintelligente, an der Glasknochenkrankheit leidende Mr. Glass.

19 Jahre später spielt Samuel L. Jackson nun die Titelfigur in „Glass“ und trifft erneut auf den Supermann, der mit seinem Kapuzenmantel als „Overseer“ für Recht und Ordnung sorgt. Doch erst ein Dritter im Bunde sorgt für die nötige Dynamik bei diesem Wiedersehen. Es ist James McAvoy, der einen in nicht weniger als zwei Dutzend Persönlichkeiten gespaltenen Mann spielt. Dissoziative Identitätsstörung nennt sich das und 2016 durfte sich McAvoy bereits in Night Shyamalans „Split“ schauspielerisch austoben, als er drei Mädchen entführte, um damit sein­e mächtige 24. Persönlichkeit – „das Biest“ – zu zähmen. Der Twist von „Split“ war – Achtung, Spoiler! – ein Kurzauftritt von Bruce Willis, der den Film im „Unbreakable“-Universum verortete.

Jetzt, nach einem Kampf zwischen Unbreakable Willis und Split McAvoy, landen beide in der Nervenklinik. Die Psychologin Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) diagnostiziert Superhelden-Wahnvorstellung.

Der einzige andere Insasse der Anstalt – Mr. Glass – sieht durch die Neuankömmlinge seine Chance gekommen: Nicht nur Freiheit, sondern auch der Beweis seiner Übermenschen-Theorie scheint in Reichweite.

Night Shyamalan inszeniert „Glass“ als von schrägen Kameraeinstellungen geprägtes Kammerspiel mit drei ganz unterschiedlichen Star-Rollen und der mysteriösen Sarah Paulson. Wer Recht hat und die Oberhand behält in diesem psychologischen Spiel, ist das Rätsel. Mit einem Hauch Horror und einiger wohlplatzierter Action gelingt es dem Film, die Spannung zu halten.

Außerdem versucht der Regisseur mit Referenzen an die typische Comics-Narration die Abnutzungserscheinungen seiner bedeutungsschwangeren Ernsthaftigkeit abzumildern.

Jackson darf als diabolischer Mr. Glass über Helden, Antihelden und Showdowns philosophieren. McAvoy dagegen bekommt ausreichend Gelegenheit, seine 24 Persönlichkeiten auszugestalten. Drei davon seien rausgeschnitten worden, wie er unlängst zu Protokoll gab. Bruce Willis als der eingesperrte Gute bleibt weitgehend farblos. Wirklich zwingend wirkt das Unterfangen, aus einem guten Film von vor 19 Jahren und einem vergleichsweise gelungenen von vor drei unbedingt ein „Cinematic Universe“ zu kreieren, nicht. Die 129 Minuten Laufzeit ziehen sich ziemlich. Die Franchise-­Werdung des Mysteriösen dürfte vorerst aufgeschoben sein.