Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 19.01.2019


Film und TV

“Joy“: Überlebenskampf im Untergrund der Weltstadt

Sudabeh Mortezai wirft in ihrem zweiten Spielfilm „Joy“ einen illusionslosen Blick auf den Alltag von Wiener Sexarbeiterinnen.

„Vertraue niemandem, auch mir nicht“: Joy (Joy Anwulika Alphonsus) am Wiener Straßenstrich.

© Filmladen„Vertraue niemandem, auch mir nicht“: Joy (Joy Anwulika Alphonsus) am Wiener Straßenstrich.



Innsbruck – Wie weit kann Realismus im Spielfilm gehen? Wenn in „Joy“ die Hauptfigur den sprechenden Namen ihrer Laiendarstellerin trägt, liegt darin ein Versprechen: Authentizität ist das Stichwort. Dazu gehört für Regisseurin Sudabeh Mortezai auch Improvisation und ein chronologischer Dreh der Geschichte. Die Wienerin steckt viel Recherche in ihre Projekte und ebensoviel Humanismus. Der harte Realismus ihres zweiten Films, nach dem um einiges verspielterem Überraschungs-Debüt „Macondo“, richtet sich daher erneut auf die unterste Unterschicht der österreichischen Gesellschaft. Joy (Joy Anwulika Alphonsus) ist eine nigerianische Sexarbeiterin am Wiener Straßenstrich. Sie ist kurz davor, ihre Schulden für die Reise nach Europa abzuzahlen, um dann mit ihrem Kind in eine prekäre Freiheit ohne Aufenthaltsstatus entlassen zu werden. Ihr Zuhälter ist eine Frau, was der Geschichte einen interessanten weiblichen Fokus auch auf Seiten der Täter gibt. „Es gibt keine ,weißen Retter‘ und auch keinen Märchenprinzen, der die Frauen befreit. Die Freier, die Wohlmeinenden, die Harmlosen, genauso wie die Gewalttäter bleiben Nebenfiguren“, meint die Regisseurin.

Madame (Angela Ekeleme Pius) macht Joy zur Mentorin für die gerade erst im Wiener Untergrund eingetroffene Preciou­s (Mariam Precious Sanusi). Der Konflikt zwischen Beschützerrolle und dem eigenen Überlebenskampf ohne Sicherheitsnetz wird spürbar. Joy macht ihrem Schützling gleich zu Beginn klar: „Der Stärkere wird überleben. Vertrau niemandem, auch nicht mir, genauso wenig, wie ich dir vertraue.“ Diese klare, illusionslose Haltung macht „Joy“ spannend. Obwohl manchen Szenen der dramatische Zug fehlt. Mitunter bleibt Mortezais konkreter Realismus ein dokumentarisches Nachstellen.

Visuell ist „Joy“ trotzdem ein­e Ansage: Kameramann Klemens Hufnagl pfeift auf die Konvention, dass triste Geschichten auch triste Bilder brauchen, um Dringlichkeit zu entwickeln. Er trotzt den realistischen Szenerien mit ihren Neon-Lichtern in seinen Close-ups durchaus eine interessante visuelle Ästhetik ab.

Sudabeh Mortezai lässt keinen Zweifel, wohin sie mit ihrem zweiten Spielfilm will. Wer ihr und Joy folgen will, bekommt eine harte, aber ehrlich authentische Kino-Erfahrung. (maw)




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