Letztes Update am So, 10.03.2019 12:45

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Todkrank im Reality-TV: Die Show muss weitergehen

Vor rund vier Monaten starb der als Malle-Jens bekannt gewordene Jens Büchner nach kurzer Krankheit an Krebs. Als er ins Krankenhaus kam, waren Kameras dabei. Vox will die Bilder nun zeigen.

Jens "Malle-Jens" Büchner verstarb am Samstag im Alter von 49 Jahren.

© dpaJens "Malle-Jens" Büchner verstarb am Samstag im Alter von 49 Jahren.



Berlin – Malle-Jens hat ein Leben geführt, wie es öffentlicher kaum sein könnte. Kameras begleiteten den TV-Auswanderer Jens Büchner und sein Streben nach Ruhm auf der Deutschen liebster Insel. Er ließ sich dabei filmen, wie er sich verliebte und wieder trennte, als er heiratete, als er Vater von Zwillingen wurde. Was Kameras nicht filmten, teilte seine Ehefrau Daniela oft bei Facebook oder mit der Boulevardpresse.

Kameras waren auch dabei, als Büchner unheilbar krank wurde. Am 17. November 2018 starb er im Alter von 49 Jahren in einer Klinik in Palma de Mallorca an Lungenkrebs - nur rund vier Wochen nach seinem letzten öffentlichen Auftritt, bei dem das Publikum noch nichts von seiner schweren Erkrankung wusste.

An diesem Montag (11. März, 20.15 Uhr) zeigt die Auswanderer-Show „Goodbye Deutschland“ die letzte Folge mit ihm auf Vox - dem Sender, dessen Logo Büchner als Tattoo auf dem Oberarm trug. Rund vier Monate nach seinem Tod werden nun jene Bilder ausgestrahlt, die das Team damals auch im Krankenhaus drehte.

Noch im Sommer nahm Jens Büchner mit seiner Frau Daniela an der RTL-Show "Das Sommerhaus der Stars" teil.
Noch im Sommer nahm Jens Büchner mit seiner Frau Daniela an der RTL-Show "Das Sommerhaus der Stars" teil.
- MG RTL D

„Ausdrücklicher Wunsch“

„Das Drehteam von „Goodbye Deutschland“ hat Jens Büchner und seine Familie seit 2011 begleitet und war auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin auch bei seinen ersten Tagen im Krankenhaus dabei“, teilte der Sender mit. „Für uns war immer klar, dass wir die Familie entscheiden lassen, ob dieses Material auch ausgestrahlt wird.“ Büchners Familie habe der Ausstrahlung ausdrücklich zugestimmt.

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„Meinem Mann war „Goodbye Deutschland“ sehr wichtig und es war sein ausdrücklicher Wunsch, dass ihn das Team auch in dieser schweren Zeit begleitet. Für uns alle war klar, dass wir diesen Wunsch ermöglichen wollen, solange die Ärzte und sein Gesundheitszustand es zulassen“, erklärt Büchners Witwe Daniela im Interview der Deutschen Presse-Agentur die Entscheidung, auch diese intimen Momente mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Öffentliches Leben, öffentlicher Tod? Folgerichtig könnte man das nennen. Die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher spricht dennoch von einer „Grenzüberschreitung“ - allerdings einer mit einer „langen kulturgeschichtlichen Tradition“. „Reality-TV-Formate suggerieren die Normalität der medialen Darstellung von Privatheit.“

Vox verzichtet in der neuen Folge auf voyeuristische Bilder von einem sterbenden Mann im Krankenbett. Nur Büchners heisere Stimme ist kurz zu hören. Zu sehen sind die besorgten Blicke seiner Frau und seiner Kinder. Als die Familie erfährt, dass Büchner Metastasen im Kopf und nur noch wenige Tage zu leben hat, werden die Dreharbeiten abgebrochen. Aus dem Off heißt es: „Die letzten Tage im Leben von Jens Büchner besucht Daniela ihn ohne Kamera.“

Jade Goody trieb es auf die Spitze

Büchner und seine Familie sind nicht die einzigen, die auch den Tod zu einem öffentlichen Fernseh-Thema machen. Vor zehn Jahren, am 22. März 2009, starb der britische Reality-TV-Star Jade Goody im Alter von nur 27 Jahren - wie Büchner ebenfalls an Krebs.

Sie erhielt die niederschmetternde Diagnose Gebärmutterhalskrebs vor laufenden Kameras im indischen „Big Brother“-Haus und zog sich auch danach nicht aus der Öffentlichkeit zurück - im Gegenteil. Ihre Hochzeit mit ihrem Partner Jack Tweed wurde ein Medienereignis. Goody trug ein weißes Kleid und Glatze. Einen Monat später war die Mutter von zwei kleinen Jungs tot.

Ihr öffentliches Sterben aber machte sie gewissermaßen unsterblich. Aus dem anfangs belächelten und immer etwas ordinär auftretenden TV-Sternchen wurde so etwas wie eine Ikone, die sogar der damalige britische Premierminister Gordon Brown als mutige Frau lobte.

Goody begründete die Vermarktung ihres Krebsleidens ganz offen auch mit finanziellen Gründen und damit, dass ihre beiden Söhne es einmal besser haben sollen als ihre aus armen Verhältnissen stammende Mutter.

Auch Familie Büchner hat mit Malle-Jens, dem Vox-Schlachtross, Dschungelcamper und unverdrossenen Ballermann-Sänger, ihren Ernährer verloren. Büchner hinterlässt fünf leibliche Kinder und drei Stiefkinder und war mit 49 Jahren sogar schon Opa.

2011 war Büchner durch die Auswanderer-Sendung bekannt geworden, später sang er am Ballermann „Pleite aber sexy“, war 2017 im RTL-Dschungelcamp dabei und im Sommer 2018 - wenige Monate vor seinem Tod - gemeinsam mit Frau Daniela im „Sommerhaus der Stars“. Gemeinsam eröffneten sie auch die „Faneteria“ - ein Café für Büchner-Fans.

„Reality-TV-Darsteller ist ja mittlerweile zu einem Berufszweig innerhalb der medialen Aufmerksamkeitsökonomie geworden“, sagt Medienwissenschaftlerin Bleicher. „Menschen wie etwa Daniela Katzenberger finanzieren sich durch ihre dauerhafte Medienpräsenz in unterschiedlichen Formaten. Da ist es natürlich konsequent und wichtig, im Falle des Todes die eigene Familie abzusichern.“

Auch Daniela Büchner sagt: „Natürlich bin ich jetzt als alleinerziehende Mutter von fünf Kindern auch froh, dass es die Faneteria und „Goodbye Deutschland“ gibt und ich so auch nach Jens Tod für unsere Familie sorgen kann.“ Für sie heißt es: Die Show muss weitergehen. „Wir haben beschlossen, erstmal auf Mallorca zu bleiben und das Team von „Goodbye Deutschland“ wird uns dabei weiter begleiten.“ (dpa)


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