Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 13.03.2019


Kino

,,Die Erscheinung“: Wunder und Geheimnisse

In Xavier Giannolis Thriller „Die Erscheinung“ untersucht der große Vincent Lindon als Kriegsberichterstatter für den Vatikan die Geschichte einer Marienerscheinung.

Ein Reporter auf der Suche nach der Wahrheit und dem Übersinnlichen: Vincent Lindon als Jacques Mayano in Xavier Giannolis „Die Erscheinung“.

© FilmladenEin Reporter auf der Suche nach der Wahrheit und dem Übersinnlichen: Vincent Lindon als Jacques Mayano in Xavier Giannolis „Die Erscheinung“.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Mittelmäßige Regisseure würden den Schauplatz Mossul wahrscheinlich für eine fulminante Eröffnung nutzen, um mit Getöse in Bild und Ton auf einen Thriller einzustimmen. Zwei Männer rennen auf der Suche nach dem Moment der Wahrheit über das Grauen dieses Krieges, zwischen Schutthalden Schutz suchend, durch zerstörte Straßenschluchten, als eine Bombe den Fotografen zerfetzt.

Nichts davon ist in Xavier Giannolis „Die Erscheinung“ zu sehen. Ins Gesicht des Kriegsberichterstatters Jacques Mayano (Vincent Lindon) haben sich die Spuren von Furcht und Schrecken tief eingegraben. Er befeuchtet ein Handtuch, um die blutverkrustete Kamera zu reinigen. Es ist der letzte Freundschaftsdienst für seinen toten Kollegen. Er bringt die Speicherkarte und damit den Beweis für Grauen und Tod in Sicherheit. Im Hotelzimmer bleibt nur das blutgetränkte Handtuch zurück. Dieses Bild wird entscheidend für das Kommende.

Wie im Kino an sich geht es in den Filmen Xavier Giannolis immer um Täuschung und Glauben. In „Der Retter“ (2009) war François Cluzet ein Trickbetrüger, der in einer heruntergekommenen Kleinstadt als Erlöser begrüßt wird und mit dubiosen Maßnahmen Aufschwung und Arbeitsplätze in die Gegend bringt. Als der Schwindel auffliegt, halten sich die Vorwürfe in Grenzen, schließlich haben alle an der Erfindung ihres Erlösers mitgewirkt. In „Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne“ war der Schwindel aufgelegt, als sich die „schlechteste Sängerin der Welt“ als Operndiva von bezahlten Fans feiern lässt. Mangels Talent und Gehör ist sie die Letzte, die ihr Unvermögen bemerkt.

Auch Mayano kehrt mit einem Hörschaden von seinem Kriegseinsatz zurück. Im Auftrag des Vatikans soll er in der französischen Provinz eine Marienerscheinung untersuchen, obwohl seine letzte religiöse Übung mit dem Empfang der Erstkommunion lange zurückliegt. Für den Leiter der Glaubenskongregation ist das der passende Beleg für Objektivität, denn für die Kirche stecken hinter so manchem Wunder nur der Teufel oder Betrüger.

Skeptiker, die Robert Langdon bei seinen Untersuchungen zum „The Da Vinci Code“ und entsprechenden Intrigen und Lichterscheinungen begleitet haben, haben nichts mehr zu gewinnen, da Xavier Giannoli die theologische Debatte aufnimmt. Dazu verwandelt Arvo Pärts Musik das Kino in einen sakralen Raum.

Nach ihrer übersinnlichen Erfahrung lebt Anna (Galatéa Bellugi) als Novizin in einem Kloster. Der kleine Ort hat sich in den vergangenen vier Jahren zu einem Sehnsuchtsort für Pilger entwickelt. Erstmals hat sich allerdings ein Wunder materialisiert, da die Jungfrau Maria dem Mädchen ein blutiges Tuch übergeben haben soll. Gegen die wissenschaftliche Untersuchung wehren sich der Dorfpfarrer und der deutsche Manager (Anatole Taubmann) des Mysteriums, der nebenbei den Devotionalienhandel kontrolliert. Das sieht alles nach einem großen Wunderschwindel aus, doch was wird Mayano damit machen?

Xavier Giannoli lässt sich die satirischen Seitenblicke auf die Vermarktung übersinnlicher Ereignisse natürlich nicht entgehen, bleibt aber seltsam vage bei theologischen Interpretationen und gibt sogar das Turiner Grabtuch als authentische Reliquie aus.


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