Letztes Update am Mi, 20.03.2019 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Lupita Nyong’o im TT-Interview: „Wir vergessen das Monster in uns“

Die TT hat mit Oscar-Gewinnerin Lupita Nyong’o über Diversität in Hollywood, die Folgen von #MeToo und die Kraft ihres neuen Horrorfilms „Wir“ gesprochen.

Lupita Nyong’o, geboren 1983 in Mexiko-Stadt, wuchs in Kenia, der Heimat ihres Vaters auf. Für „12 Years a Slave“ erhielt sie 2014 den Oscar. Zuletzt war sie im Blockbuster „Black Panther“ zu sehen.

© Gallox/ImagoLupita Nyong’o, geboren 1983 in Mexiko-Stadt, wuchs in Kenia, der Heimat ihres Vaters auf. Für „12 Years a Slave“ erhielt sie 2014 den Oscar. Zuletzt war sie im Blockbuster „Black Panther“ zu sehen.



Sie haben in Mexiko und Kenia gelebt, in Paris studiert und sind jetzt in den USA. Wie hat Sie das geprägt?

Lupita Nyong’o: Ich bin außerhalb von Kenia aufgewachsen, immer mit dem Gefühl, dass ich auch woanders hingehöre. Ich hatte das Gefühl, dass es möglich ist, zu mehr als einem Ort zu gehören. Für mich war es als Kind ganz normal, überall zuhause zu sein – und egal, wo ich bin, offen für die Welt zu sein.

In „Wir“ spielen Sie eine Doppelrolle. Welche der Figuren liegt Ihnen mehr?

Nyong’o: Beide gleich! Red ist ja der totale Gegenpol zu Adelaide, ihre Stärke ist die Schwäche der anderen und umgekehrt. Ich musste eine Balance finden, die Extreme und die Gemeinsamkeiten ausloten. Das war lange Zeit ziemlich chaotisch in meinem Kopf, bis ich dann auf Kommando wechseln konnte. Das war emotionale Gymnastik, sehr hart, aber es hat mir wirklich Spaß gemacht. Jordan Peele (Regisseur und Autor, Anm. d. Red.) wollte aus beiden Perspektiven erzählen. Deshalb musste ich für meine Figuren Anwalt und Richter zugleich sein. Aber ich weiß wirklich nicht, was genau sich Jordan dabei gedacht hat: Er hat eine dunkle Fantasie!

Auf die Frage, was sie sind, sagt eine der Figuren: „We are Americans.“ Ist „Wir“ ein Horrorfilm über das heutige Amerika?

Nyong’o: Amerika befindet sich gerade in einer Zeit, wo viel mit dem Finger auf andere gezeigt wird. Das Feuer brennt! Viele verurteilen das Monster auf der anderen Seite, in jenem Land, jenseits einer Grenze, in jener Kultur oder Religion oder jenem politischem Lager oder Geschlecht. Und dabei verliert man leicht das Monster in sich selbst aus den Augen. Jeder von uns hat auch etwas Dunkles in sich. Wenn wir das unterdrücken, entzündet es sich und kann ausbrechen. Während des Drehs habe ich mir oft gedacht, warum sagen wir eigentlich immer, dass die ganzen grausamen, schrecklichen Verbrechen „unmenschlich“ sind? Es ist ein Wahnwitz, dass wir uns als Menschen davon abgrenzen. Erst wenn wir unsere Fähigkeit zum Bösen anerkennen, können wir es in Schach halten und in etwas Positives wie Kunst verwandeln. Das ist auch die Kraft des Horrorfilms.

Was hat „12 Years a Slave“ im Hinblick auf die Repräsentation von Afroamerikanern in Hollywood verändert?

Nyong’o: In „12 Years a Slave” habe ich zum ersten Mal in einem Film die Sklaverei wirklich ehrlich und intensiv erlebt. Stev­e McQueen hat einer Zeit eine emotionale Resonanz gegeben, die Amerika allzu oft und allzu leicht ignoriert, ohne dabei die Kunst zu verraten. Gerade wegen der Schönheit ist die Geschichte ja so stark und die Leute konnten die bittere Pille schlucken. Aber ein Film kann natürlich bestenfalls ein Licht auf ein Problem werfen. Ich verdanke meine Karriere diesem Film. Seither bin ich glücklicherweise Teil von anderen Filmen, die die Repräsentation der Afroamerikaner weitergebracht haben.

Sie wählen Ihre Rollen sehr sorgsam aus.

Nyong’o: Ich bin am besten, wenn es am unbequemsten ist! Ich möchte Filme machen, die ich auch gerne anschauen würde. Würde ich für diesen Film ein Ticket kaufen? Nein? Dann sollte ich auch nicht mitspielen.

Und wo kommt da die Politi­k ins Spiel?

Nyong’o: Ich bin ja sozusagen die Diversität und die Politik, weil ich eben nicht zur Mehrheit gehöre. Dabei bin ich mir natürlich bewusst, dass es Inklusion braucht. Davon profitiere ja nicht nur ich, sondern alle. Jetzt gerade produziere ich „Americanah“, nach dem Roman von Chimamanda Ngozi Adichie, adaptiert von einer Frau. Aber das ist im Grund eine Frage für „die“ – die Männer, die zur Mehrheit gehören.

Hat #MeToo in Hollywood wirklich etwas bewegt?

Nyong’o: Die #TimesUp-Bewegung ist sehr aktiv, auch über die Filmindustrie hinaus, für mehr Gerechtigkeit und Fairness. Und Leute wie Frances McDormand engagieren sich stark. Es ist nicht irgendeine Organisation, es liegt an allen, aufmerksam zu sein und sich einzusetzen. Selbst wenn es nur darum geht, eine Frau für den Ton zu engagieren statt des üblichen Tonmanns. Es geht darum, uns klarzumache­n, dass wir alle eine Rolle zu spielen haben.

Sie haben bereits einen Dokumentarfilm gedreht. Reizt Sie das Regieführen?

Nyong’o: Die Schauspielerei ist meine erste Liebe und wird es auch bleiben. Es ist das, was ich durchgehend mit Leidenschaft mache und bei dem ich mich am lebendigsten fühle. Aber unterm Strich geht es um das Geschichtenerzählen, und die Werkzeuge können auch andere sein. Ich schreibe gerad­e an einem Kinderbuch, weil ich das Gefühl habe, ich kann Kindern auf diese Weise etwas sagen. Und ich habe ja schon einmal eine Dokumentation gedreht. Aber mein Rückgrat ist immer das Schauspiel.

Das Gespräch führte Marian Wilhelm.

Ein Familie im Klassenkampf: „Wir“ von Jordan Peele.
Ein Familie im Klassenkampf: „Wir“ von Jordan Peele.
- Universal

Düstere Doppelgänger im Urlaubsdomizil

Oscarpreisträgerin Lupita Nyong’o spielt die Hauptrolle in Jordan Peeles neuem Film „Wir“, der in dieser Woche in Öster­reichs Kinos anläuft.

2017 hatte Peele mit seinem Debütfilm „Get Out“ die amerikanischen Rassenkonflikte in das Genre des Horrorfilms verpflanzt. Dafür erhielt er 2018 den Oscar fürs beste Originaldrehbuch. Nun konfrontiert er eine Mittelschichts­familie in ihrem Urlaubsdomizil mit ihrer bösen Doppelgängerfamilie.

Dabei bewegt er sich auf den Spuren von „The Shinin­g“, Hitchcocks „Die Vögel“ und „Funny Games“ von Michael Haneke.

Die dunkle Symbolik lädt diesmal nicht notgedrungen zur Rassismusreflexio­n ein, vielmehr liegt eine klassenkämpferische Interpretation nahe. Dem körperlichen Kino-Horror tut diese Erweiterung nur gut. (maw)


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