Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.05.2019


Internationales Filmfestival

IFFI 2019: An den Rändern des Weltkinos

28 Jahre lang hat Helmut Groschup das Internationale Filmfestival Innsbruck geleitet. Nach der heurigen Auflage (28. Mai–2. Juni) tritt er ab. Sein Abschiedsprogramm steht inzwischen.

Shaji N. Karuns „Olu – Sie“ wird das 28. Filmfestival Innsbruck am 28. Mai eröffnen.

© IFFIShaji N. Karuns „Olu – Sie“ wird das 28. Filmfestival Innsbruck am 28. Mai eröffnen.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Helmut Groschup hat gerade viel zu tun. Er soll ein Filmfestival organisieren. Zum letzten Mal. 1992 hat Groschup das Internationale Filmfestival Innsbruck (IFFI) gegründet – und es seither mit wechselnden Teams verantwortet. Von 28. Mai bis 2. Juni findet das 28. IFFI im Leokino und im Cinematograph statt. Danach zieht Groschup einen Schlussstrich. Mit Anna Ladinig präsentierte das Otto-Preminger-Institut, der Trägerverein der Innsbrucker Programmkinos, kürzlich die neue Festival-Leiterin. „Jetzt sind die Jungen dran“, sagt Groschup. An der Auswahl seiner Nachfolgerin war der 65-Jährige nicht beteiligt. Ein erstes Treffen mit Ladinig stimme ihn aber sehr hoffnungsfroh. Die 30-Jährige kennt das Festival. Vor zwei Jahren konzipierte sie eine Filmreihe über das Kino der ehemaligen Sowjet-Republik Kirgistan. Dass sein Festival, für das er jährlich ein Budget von rund 160.000 Euro aufstellte, jetzt nicht mit ihm in den Ruhestand geht, freue ihn, sagt Helmut Groschup.

Vor der Neuaufstellung im 29. Festivaljahr gilt es allerdings noch die Ära Groschup angemessen zu Ende zu bringen. Und dafür muss noch einiges erledigt werden. „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, zitiert er Karl Valentin – und lacht müde. „Die Nächte in den Wochen vor dem Festival sind kurz“, sagt er. Dringende Mails wollen beantwortet, Programmhefttexte redigiert und Publikumsgespräche vorbereitet werden.

IFFI 2019: Widerständige Weggefährten

Mit Hommagen würdigt das IFFI heuer Fernando Solanas, Vorkämpfer des „Kinos der Dekolonisation", und Filmvisionär Joris Ivens.

Reisefieber: Die Retrospektive führt zurück in die Geschichte des Festivals. Gewidmet ist sie Weggefährten wie Saint-Pierre Yaméogo.

Werkschau: Die kolumbianische Dokumentarfilmerin Marta Rodríguez wird drei ihrer wegweisenden Filme in Innsbruck vorstellen.

Fernando Solanas zählt zu den ganz Großen des Weltkinos.
Fernando Solanas zählt zu den ganz Großen des Weltkinos.
- imago

70 Spiel- und Dokumentarfilme hat er für sein letztes Festival nach Innsbruck eingeladen. Mitunter aus Ländern, „die selbst Vielgereiste nur vom Hörensagen kennen“. Erstmals etwa schaffte es eine Produktion aus Trinidad & Tobago ins IFFI-Programm. „Dort“, erklärt Groschup, „wird höchstens ein Kinofilm im Jahr gedreht. Wenn überhaupt.“ Es ist dieser Blick auf die Ränder der Filmwelt, der das Festival seit seinen Anfängen prägte: auf amerikanische Filme, die fernab von Hollywood entstanden – in der ­argentinischen Pampa oder den anonymen Straßenschluchten von São Paulo zum Beispiel; Filme aus afrikanischen Staaten, die zornig gegen europäisches Besserwissen anerzählen; Filme aus Indien, die der bunten Bollywoodästhetik mit erdigem Realismus antworten – und sich dem Wunderbaren ebenso wenig verschließen wie dem Schmerzhaften. Ein solcher Film, „Olu – Sie“ von Shaji N. Karun, wird das Internationale Filmfestival am 28. Mai eröffnen. Karun zählt zu jenen Filmemachern, die das Festival seit Jahren begleiten. Jeder seiner Filme – von seinem in Locarno ausgezeichneten Debüt „Piravi“ über die kontrovers diskutierte Polit-Parabel „Swaham“ bis zum mystischen Trommler-Drama „Swapaanam“ – wurde bislang in Innsbruck gezeigt. 2014 wurde Karun mit dem Ehrenpreis des Festivals gewürdigt.

Saint-Pierre Yaméogo starb am 1. April dieses Jahres.
Saint-Pierre Yaméogo starb am 1. April dieses Jahres.
- IFFI

Im Vorjahr ging dieser an Saint-Pierre Yaméogo aus Burkina Faso, der spätestens seit seinem 2005 in Cannes mit dem Prix de l’espoir ausgezeichneten Film „Delwendé“ zu den wichtigsten afrikanischen Filmemachern der Gegenwart zählte. Yaméogo starb Anfang April im Alter von 64 Jahren in Ouagadougou. Im Rahmen der heurigen Retrospektive „Reisefieber“ soll an Yaméogo genauso erinnert werden wie an den kubanischen Regisseur und IFFI-Ehrenpreisträger Daniel Díaz Torres („Alicia en el pueblo de Maravillas“), der bereits 2013 verstarb. Weitere Hommagen sind dem Dokumentarfilm-Visionär Joris Ivens und Fernando „Pino“ Solanas, dem wohl einflussreichsten lateinamerikanischem Filmemacher der vergangenen 50 Jahre, gewidmet. Als Stargast seines letzten Festivals kündigt Helmut Groschup die kolumbianische Dokumentarfilmerin Marta Rodríguez an, die mit ihren schonungslosen Studien über die Unterdrückung kolumbianischer Landarbeiter Filmgeschichte geschrieben hat. Drei Filme der mittlerweile 81-jährigen Grande Dame des widerständigen Kinos werden gezeigt, darunter ihr 1982 bei der Berlinale ausgezeichnetes Meisterwerk „Nuestra voz de tierra, memoria y futuro“.

Marta Rodríguez dokumentierte die Unterdrückung in Kolumbien.
Marta Rodríguez dokumentierte die Unterdrückung in Kolumbien.
- Archivo El Tiempo

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