Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 31.07.2019


Film und TV

Die kapriziösen Supermodels

Jean-Michel Vecchiet versucht in seinem Dokumentarfilm „Peter Lindbergh – Women’s Stories“ ein Porträt des weltberühmten deutschen Modefotografen.

1989 versammelte Peter Lindbergh die Supermodels Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford (von links) zu einem Gruppenfoto.

© Filmladen1989 versammelte Peter Lindbergh die Supermodels Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford (von links) zu einem Gruppenfoto.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Eingeweihte ahnten schon 1950, dass aus Jackson Pollock, der vor seinem Holzschuppen Farbe über große Leinwände schüttete und spritzte, einer der größten Künstler des 20. Jahrhunderts werden könnte. Da noch niemand auf die Idee gekommen war, den Berserker bei der Arbeit zu fotografieren oder zu filmen, näherte sich ihm Fotograf Hans Namuth, dem es gelang, die Magie von Pollocks Kunst einzufangen. Nach dem Unfalltod des Action-Painters wurde Namuths Bilderserie 1956 fast so berühmt wie sein Model.

Diese Geschichte erzählt der französische Autor und Filmemacher Jean-Michel Vecchiet am Anfang seines Dokumentarfilms „Peter Lindbergh – Women’s Stories“. Lindbergh, sagt Vecchiet, „das ist mein Jackson Pollock!“ Bisher hatte sich Vecchiet in seinen Künstlerbiografien mit toten Ikonen wie Warhol oder Basquiat beschäftigt. Mit Lindbergh geht er kein großes Risiko ein.

Peter Lindbergh bevorzugt als Fotograf Schwarzweiß.
Peter Lindbergh bevorzugt als Fotograf Schwarzweiß.
- Filmladen

Peter Lindbergh, Jahrgang 1944, ist einer der berühmtesten Modefotografen, für den – wie bei Fußballstars – horrende Ablösesummen bezahlt werden, wenn sich Magazine wie Vogue, Rolling Stone, Vanity Fair oder Harper’s Bazaar um das Auge des Meisters bemühen. Nicht selten bleiben beleidigte Chefredakteurinnen zurück. Andererseits muss Franca Sozzani, die tief im Innersten verletzte mittlerweile verstorbene Chefredakteurin der italienischen Vogue, augenzwinkernd zugeben: „Die Summe war schon enorm.“

Auf diesem Jahrmarkt geht es neben Eitelkeiten vor allem um Geld, das letztlich auch die Hierarchie definiert. Aber wenn sich Lindbergh von einem Assistenten die japanische analoge Kleinbildkamera reichen lässt, wird der Fotograf für den Beobachter zum abstrakten Expressionisten, zum Action-Painter, der scheinbar wahllos – Klack, Klack, Klack! – mit drei Bildern pro Sekunde den Film durch die Kamera laufen lässt. Aber vor dem Objektiv stehen Linda Evangelista, Naomi Campbell, Cindy Crawford, Christy Turlington. Dabei lässt sich kaum sagen, für welche Mode da eigentlich geworben wird.

Peter Lindbergh war in den 80er-Jahren einer der Erfinder langer Bildstrecken, die das zu bewerbende Produkt in eine Geschichte verpackt haben. Als Naomi Campbell etwa einen Badeanzug vorführen soll, glaubt sie, die Arbeit sei mit einem Blinzeln in die Sonne getan. Doch ein Badeanzug zeigt für Lindbergh sein­e Bestimmung erst in einem Pool. Mit der Pos­e des Superstars verweigert sie allerdings jeden Kontakt mit dem Wasser. Statt auf der Hierarchie des Geldes zu bestehen, steigt Lindbergh in einer Badehose in den Pool und überlässt das Model dem gruppendynamischen Dilemma, das sich nur durch einen mutigen Sprung lösen lässt.

30 Jahre später kann Naom­i Campbell mit diskreter Scham den verräterischen Filmaufnahmen schon wieder einen Witz abgewinnen. Immerhin verdankt sie Lindbergh ihren Weltruhm. Es war eine Aufnahme Lindberghs der Engländerin, die erstmals ein farbiges Model auf einem Cover der Vogue zeigte und damit die Modewelt erschütterte, was auch einiges über die Branche des schönen Scheins erzählt.