Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 10.08.2019


Kino

“Once Upon a Time ... in Hollywood“: Wider die Wirklichkeit

In seinem neunten Film „Once Upon a Time ... in Hollywood“ verneigt sich Quentin Tarantino vor dem US-Kino von vorvorgestern – und beschwört das Kino als Ort tröstender Gegengeschichten.

Mister Dalton und sein Chauffeur: Leonardo DiCaprio und Brad Pitt spielen in Quentin Tarantinos „Once Upon a Time ... in Hollywood“ zwei Traumfabrik-Arbeiter, die drohen, aus der Zeit zu fallen.<span class="TT11_Fotohinweis">Foto: Sony</span>

© SonyMister Dalton und sein Chauffeur: Leonardo DiCaprio und Brad Pitt spielen in Quentin Tarantinos „Once Upon a Time ... in Hollywood“ zwei Traumfabrik-Arbeiter, die drohen, aus der Zeit zu fallen.Foto: Sony



Von Joachim Leitner

Innsbruck – „Once Upon a Time ... in Hollywood“ – die 9. und damit voraussichtlich vorletzte Kinoarbeit von Quentin Tarantino – ist ein konservativer Film. Tarantino verneigt sich vor einem Kino, das es nicht mehr gibt. Einem Kino, das schon zur Zeit, in der er seinen Film spielen lässt, 1969, dem Jahr von „Easy Rider“, in den letzten Zügen lag: ein weißes, durch und durch männliches Kino mit testosterongetränkten Helden – und Frauenfiguren, die zumeist zum adretten Dekor degradiert wurden.

Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) hat es selbst in diesem Kino nicht zum Star gebracht. Eine Wildwest-Serie machte ihn populär. Doch auf der großen Leinwand kam er über B-Movies wie „The 14 Fists of McClusky“ nicht hinaus. „The 14 Fists of McClusky“ ist einer von gleich mehreren Filmen, die sich Tarantino für sein Hollywood erträumt hat: eine Mischung aus Roger Cormans Autokino-Klassiker „Geheimauftrag Dubrovnik“ und Robert Aldrichs „Das dreckige Dutzend“. Dutzendware also, nichts, was einen zum Star macht. Deshalb hält sich Dalton inzwischen mit Schurkenrollen im Fernsehen über Wasser. Wobei ihm sein Agent (Al Pacino) zu Engagements in Italien rät: Dort sind Hollywoods Halbberühmtheiten als maulfaule Scharfschützen gefragt. „Django“-Regisseur Sergio Corbucci jedenfalls habe sich bereits nach ihm erkundigt. Und auch für Daltons Kompagnon, den Stuntman Cliff Booth (Brad Pitt), dürfte es in Cinecittà mehr Arbeit geben als in Hollywood. Dort nämlich sind die Karrierechancen für mittelalte Männer mit selbstbewusst gestriger Weltsicht überschaubar. Die beste Chance übrigens ist gerade nebenan eingezogen: Seit auch Roman Polanski und Sharon Tate am Cielo Drive wohnen, ist die nächste Hauptrolle „nur eine Poolparty entfernt“.

Dass sich in und um die Traumfabrik auch abseits des kollabierenden Studiosystems und dem sich Bahn brechenden New Hollywood einiges zusammenbraut, ahnt bestenfalls Booth. Er beobachtete, wie ein gewisser „Charlie“ am Tor von Polanskis Anwesen abgewiesen wird. Wenig später landet er eher zufällig in jener brachliegenden Wildwest-Kulisse, in der die „Manson Family“ ihr Lager aufgeschlagen hat. Tarantino spielt mit dem Unausweichlichen, macht es spannend. Nicht obwohl, sondern weil man weiß, worauf alles hinauslaufen wird: In der Nacht auf den 9. August 1969 machen sich Mitglieder der Family auf den Weg zum Cielo Drive. Für Manson allerdings interessiert sich der Film nur am Rande. Und dessen prominentestes Opfer, Sharon Tate (Margot Robbie), bleibt lange blass und weitestgehend wortlos. Das kann man – wie nach der Weltpremiere von „Once Upon a Time ... in Hollywood“ in Cannes – kritisieren. Es lässt sich aber auch als Zeichen des Respekts deuten: Die wirklichen Opfer klopfen keine Tarantino-Sprüche.

In der vielleicht schönsten Szene des Films schickt Tarantino Tate ins Kino. Sie schaut sich einen Film an, in dem sie selbst mitgespielt hat. Keinen besonders guten. „Rollkommando“ mit dem schon ziemlich außer Form geratenen Dean Martin. Auf der Leinwand sieht Tarantinos Tate – und mit ihr die Zuschauer – die echte Sharon Tate, die nicht durchs Kino, sondern durch ihre Ermordung berühmt wurde.

Tarantino bemüht sich um symbolische Wiedergutmachung. Oder anders: Er rächt sich mit dem Kino an der Wirklichkeit. Das legt schon das „Es war einmal“ des Filmtitels nahe. Wie „Inglourious Basterds“ (2009), der ursprünglich „Once Upon a Time in ... Nazi-occupied France“ heißen sollte, geht es um die ins Märchenhafte verklärte – sprich ziemlich brutale – Revision der Geschichte durch die ureigenste Kraft des Kinos. Kino kennt keine Vergangenheit, keine Zukunft, im Kino gibt es nur die Gegenwart, Kino ist immer hier und jetzt. Im Kino kann man sterben – und trotzdem ewig leben. Wie Sharon Tate im Film flüchtet sich auch Quentin Tarantino vor den Widrigkeiten der Wirklichkeit ins Kino. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute. Das kann man naiv finden. Oder kindisch. Irgendwie tröstlich ist es allemal.

Albtraum in der Traumfabrik

In der Nacht zum 9. August 1969 drangen Mitglieder der so genannten „Manson Family" in das Anwesen des Regisseurs Roman Polanski am Cielo Drive im Nobelviertel Beverly Hills ein — und ermordeten Polanskis Ehefrau, die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate, sowie vier Freunde des Paares. Polanski selbst hielt sich zum Tatzeitpunkt nicht in Los Angeles auf.

Tags darauf brachten Mitglieder der „Manson Family" in Hollywood das Unternehmerehepaar Leno und Rosemary LaBianca um. Das brutale Vorgehen der Täter und die Prominenz der Opfer trugen dazu bei, dass die Morde weltweites Aufsehen ereigneten. Charles Manson, der die Morde seinen Anhängern befohlen hatte, wurde im Oktober 1969 verhaftet und zum Tode verurteilt. 1972 wurde das Urteil in lebenslange Haft umgewandelt.

Belastbare Tatmotive liegen noch immer im Dunkeln: Manson, ein erfolgloser Song-Schreiber, führte seine „Family", die vornehmlich aus jungen mittellosen Frauen bestand, als autoritären Kult. Er verstand sich als Prophet einer Apokalypse, die er durch das „Helter-Skelter-Chaos" entfachen wollte. „Helter Skelter" bezieht sich auf das gleichnamige Lied der Beatles, in dem Manson entsprechende Botschaften ausgemacht haben wollte. Hintergrund seiner kruden Weltsicht war radikaler Rassismus: Er war überzeugt, dass Krieg zwischen weißen und schwarzen US-Amerikanern unausweichlich war.

Charles Manson starb im November 2017 im Alter von 83 Jahren. (jole)