Letztes Update am Mo, 19.08.2019 10:32

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kino

Wie sieht der Kinobesuch der Zukunft aus?

Popcorn wird es vermutlich noch geben – aber ein Kinobesuch im Jahr 2049 könnte doch etwas anders aussehen als heute. Für manche ist es nur eine Frage der Zeit, bis der täuschend echte Digitaldarsteller kommt.

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© PantherMedia / Arne Trautmann(Symbolfoto)



Von Julia Kilian, dpa

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Berlin, Potsdam – Wer sich für einen Abend im Kino entscheidet, kann sich auf drei Dinge freuen: Es gibt Popcorn (süß oder salzig), einen Film im Großformat und ein paar Stunden ohne Handy in der Hand. Rund 4900 Kinosäle existieren in Deutschland. Was einst als Jahrmarktbude begann, heißt heute Programmkino oder Multiplex. Doch wie werden Kinos in Zukunft aussehen?

Wird es noch überwiegend Schauspieler aus Fleisch und Blut geben? Oder werden virtuelle Avatare zu Filmstars? Werden die Leute häufiger daheim auf dem Sofa versacken – oder weiterhin ins Kino gehen? Wer dazu eine Einschätzung haben will, kann bei Klaudia Wick von der Deutschen Kinemathek in Berlin anrufen.

„Das Kino wird bestehen bleiben, aber nicht ganz so, wie wir es kennen“, sagt die Fernsehwissenschaftlerin. Sie geht davon aus, dass es auch in 30 Jahren noch eine Projektionsfläche in Kinosälen geben wird. „Aber sitzen wir alle in einer Reihe davor oder ist die Leinwand vielleicht rund um uns herum?“

Vielleicht werde auch doch noch mit Düften experimentiert. Darüber wird schon lange nachgedacht. In manchen Kinos gebe es bereits rumpelnde Sitze, sagt Wick. Ihrer Meinung nach machen solche Neuerungen auf Dauer nur Sinn, wenn es passende Erzählungen gibt.

Technik alleine? Wohl nicht genug

Im Moment stehe etwa beim Besuch einer 360-Grad-Kuppel noch das Seherlebnis selbst im Vordergrund. „Das Staunen darüber, dass so etwas technisch möglich ist, ist das Hauptereignis“, sagt Wick. Es fehlten aber noch die überzeugenden erzählerischen Angebote, so dass man sage: „Diese Geschichte muss ich unbedingt so sehen.“

Ein Beispiel dafür sind 3D-Filme. Viele Menschen haben James Camerons Fantasyfilm „Avatar“ vor zehn Jahren mit Spezialbrillen im Kino gesehen. Flächendeckend durchgesetzt hat sich das bislang aber nicht. „Das wird heute nicht mehr so vom Publikum nachgefragt wie noch vor fünf, sechs Jahren“, sagt Filmproduzent Uli Aselmann („Die Musterknaben“, „Jugend ohne Gott“).

„Technische Errungenschaften laufen sich auch schnell tot, wenn sie überstrapaziert werden“, sagt Aselmann, der zum Vorstand der Produzentenallianz in Deutschland gehört und dessen Unternehmen in München sitzt. Umso wichtiger seien gute Erzählungen. Es dürften nicht so viele „verkappte Fernsehfilme“ ins Kino kommen. Das müsse man bei der Filmförderung bedenken.

Kinos kämpfen mit gesunkenen Besucherzahlen

Schon heute steht das Kino unter Druck. Im Februar legte die Filmförderungsanstalt (FFA) die schlechtesten Besucherzahlen seit Jahren vor, im ersten Halbjahr 2019 stiegen die Ticketverkäufe wieder im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Streamingdienste wie Netflix, Amazon oder Sky Ticket sind zur Konkurrenz geworden – denn sie bringen viele Filme und Serien bequem zum Zuschauer nach Hause.

Nach Einschätzung von Aselmann wird das Kinoerlebnis in Zukunft wieder besonderer werden müssen. „In den Großstädten hat man heute schon Edelkinos mit Sesseln, in denen man sich fast hinlegen kann“, sagt er. Das wiederum ist teuer - und Kinoverbände forderten schon zuletzt Fördergelder für die Erneuerung ihrer Häuser. Auch andere neue Technik müssten Kinos finanzieren können.

Wick vom Berliner Filmmuseum sieht die Branche in einer Erprobungsphase. Geruch und rüttelnde Sitze, nur damit man um jeden Preis etwas Neues hat? „Das sind sicher Irrwege“, sagt Wick. Aber es gebe sinnvolle Einsätze – bei Videogames sehe man das. „Wenn ich mit einer VR-Brille vor den Augen gefühlt über eine Schotterpiste fahre, macht es auch Sinn, dass der Controller rüttelt.“

Manche Kinos wagen kleinere Experimente. Sie übertragen zum Beispiel Opernpremieren live. In Zürich probierten Zuschauer mal VR-Brillen unter freiem Himmel aus. Nach Einschätzung von Wick werden die Grenzen zwischen Fernsehen, Kino und Videospielen verschwimmen. Die wichtigere Unterscheidung werde sein, ob man etwas alleine gucke oder mit anderen zusammen.

Dabei dürfte sich bis 2049 nicht nur das Kino verändern, sondern auch der Film an sich. Was optisch mittlerweile möglich ist, zeigt die Neuverfilmung von Disneys „Der König der Löwen“. Simba, Nala und Co. entstanden am Computer und wirken doch täuschend echt. Für Filmemacher ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man auch Menschen so lebensecht animieren kann.

„Das wird noch zehn Jahre dauern. Aber wenn man das geschafft hat, dann sind natürlich der Fantasie des Geschichtenerzählens überhaupt keine Grenzen mehr gesetzt“, sagt Aselmann. Und so schön er es fände, neue Filme mit einer animierten Marilyn Monroe oder einem digital nachgebauten Louis de Funès zu sehen: Die Vorstellung virtueller Schauspieler hat für ihn auch etwas Komisches.

Nicht mehr Brad Pitt, sondern eine virtuelle Kopie?

Die Vorstellung, dass man Menschen wie George Clooney, Brad Pitt oder andere auf der Leinwand klonen könne, sei für ihn unheimlich. „Wenn ich zu Lebzeiten nicht mehr Brad Pitt sehe, sondern er nur noch Geld bekommt, um sein Aussehen einer Computerfigur zu leihen, dann ist das für uns irgendwie unwirklich“, sagt Aselmann. „Wir lieben doch auch das Menschliche im Kino.“

Dass digitale Avatare menschliche Schauspieler komplett ersetzen, hält auch Charlie Woebcken für unwahrscheinlich. Der Vorstandschef des Studios Babelsberg in Potsdam hofft darauf, irgendwann aber eine Bibliothek mit digitalen Komparsen zu haben. Virtuelle Schauspieler für die zweite Reihe also. Denn der Einsatz echter Menschen ist aufwendig und teuer. Für manche Produktionen müssen Tausende Laiendarsteller engagiert werden.

Das Studio Babelsberg forscht deswegen mit anderen in einem sogenannten volumetrischen Studio. Dort werden Menschen digital abgescannt und erfasst, damit man sie hinterher wie ein Hologramm abrufen kann. Dass es in Filmen irgendwann nur noch virtuelle Stars gibt, hält Woebcken für unwahrscheinlich. Sonst würde seiner Meinung nach das „Star-System“ zusammenbrechen. Avatare könne man nämlich schlecht am Strand in Saint-Tropez ablichten. (dpa)




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