Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 23.08.2019


Kino

“Blinded by the Light“: Ein Hoch auf den Helden der Arbeiterklasse

In „Blinded By The Light“ findet ein heranwachsender Migrantensohn durch Bruce Springsteens Songs einen Ausweg aus der britischen Provinz.

Bodenständiger Soundtrack für jugendliches Abheben: Viveik Kalra (Mitte) entdeckt in Bruce Springsteens Songzeilen einen Bruder im Geiste.

© WarnerBodenständiger Soundtrack für jugendliches Abheben: Viveik Kalra (Mitte) entdeckt in Bruce Springsteens Songzeilen einen Bruder im Geiste.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Luton in Bedfordshire ist sicherlich nicht der aufregendste Ort im britischen Königreich. Die Autobahn und der Flughafen weisen Richtung London und in die Welt hinaus. Ausgerechnet hierher hat es Javeds Vater einst verschlagen. In der hiesigen Autofabrik fand er Arbeit. Für den heranwachsenden Javed freilich heißt Luton vor allem eines: tote Hose. Er flüchtet sich ins ­Schreiben: Tagebuch, Gedichte und Songtexte für seinen besten Freund Matt.

Wir befinden uns im Jahr 1987. Ein fragwürdiger Modetrend folgt auf den nächsten. Margaret Thatchers Ära rabiater Deregulierung neigt sich langsam dem Ende zu. Ohne wirkliche Aussicht auf Besserung. Jedenfalls nicht in Luton. Gurinder Chandhas Film „Blinded By The Light“ spielt im Ken-Loach-Land. Doch bevor es sich zum zornigen Sozialdrama entwickeln kann, mischt sich – ausgerechnet – ein Amerikaner ein: Zwei Musikkassetten von Bruce Springsteen eröffnen Javed den Blick auf eine andere Welt. Sein Vater ist davon wenig begeistert und auch seine neue Freundin Eliza muss er erst von Bruce überzeugen. Die Frage, ob auch sie ein Fan des „Boss“ sei, beantwortet er selbstbewusst mit: „Not yet“. Was nicht ist, wird werden. Auch dass Springsteen Ende der 80er-Jahre nicht gerade als Inbegriff der Coolness galt, stört den Buben wenig. Er schneidet sich die Ärmel seines karierten Hemdes ab und lernt alles über seinen neuen „Working Class Hero“. Denn der spricht ihm aus der Seele: „It’s like Bruce knows everything I’ve ever felt, every­thing I’ve ever wanted.“

„Blinded By The Light” entlehnt seinen Titel dem gleichnamigen Song des Spring­steen-Albums „Greetings from Asbury Park, N.J.“ von 1977. Das Drehbuch basiert auf den Memoiren des Journalisten und Springsteen-„Superfans“ Sarfraz Manzoor „Greetings from Bury Park: Race, Religion and Rock ’n’ Roll“. Der graue Hintergrund ist also ebenso authentisch wie die ungewöhnliche Liebe zu Spring­steen. Chadha macht aus der Vorlage ein leichtes komödiantisches Drama mit lebhaften Musical-Spitzen: Die Lyrics der entscheidenden Springsteen-Songs erscheinen auf den Mauern Lutons und kreisen um den Kopf des Protagonisten.

Anders als der schrille „Rocketman“ über das Leben und (geschönte) Leiden von Elton John oder die Beatles-Fantasterei „Yesterday“ legt Chadha ihre Musik-Geschichte, dem Thema entsprechend, bodenständiger an. Nur an ein oder zwei Stellen greift Javeds musikalischer Enthusiasmus wirklich für eine echte Musical-Nummer auf die Passanten über. Trotzdem ist der Soundtrack durchwegs in der Handlung und in Javeds Walkman verankert.

Gurinder Chadha hat schon mit „Bend It Like Beckham“ ein sozialkritisches Coming-of-Age-Thema in eine spannende Filmstory verwandelt – und einer gewissen Keira Knightley damit zum Durchbruch verholfen. Nun erzählt sie mit ihrem kraftvollen Hauptdarsteller Viveik Kalra erneut eine Genre-übergreifende Geschichte, die in ihrer inhaltlichen Diversität und unverhohlenen Freude bestens funktioniert. Die gesellschaftlichen Parallelen zu heutigem Rassismus und Brexit sind da nur noch ein Bonus. Auch „The Boss“, der der Filmemacherin Carte blanche für die Verwendung seiner Songs gab, soll von „Blinded By The Lights“ äußerst angetan sein: Nach Sichtung des Rohschnitts hatte er Tränen in den Augen.