Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 30.08.2019


Film und TV

„Vom Lokführer, der die Liebe suchte“: Liebesfahrt mit viel Leerlauf

Die harm- und leider etwas einfallslose Tragikomödie „Vom Lokführer, der die Liebe suchte“ entstand gegen den Willen der Regierung in Aserbaidschan.

„ Der Erfolg des Films ist der beste Schutz für die, die den Dreh unterstützt haben.“
Veit Helmer 
(Regisseur)

© Theo Lustig„ Der Erfolg des Films ist der beste Schutz für die, die den Dreh unterstützt haben.“ Veit Helmer 
(Regisseur)



Innsbruck – Shanghai gibt es nicht mehr. Gemeint ist nicht etwa die chinesische Millionenmetropole, sondern das gleichnamige Viertel in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Shanghai war ein Armenviertel. Anfang des Jahres wurden die letzten Bewohner in die Außenbezirke Bakus übersiedelt. Zum Teil gegen ihren Willen. Shanghai wurde abgerissen. Aserbaidschans Machthaber Aliyev ist um die repräsentative Strahlkraft seiner Hauptstadt bemüht. Der deutsche Filmemacher Veit Helmer hat 2017 in Shanghai gedreht. Mehr noch: Es waren Bilder des Viertels, die ihn zu „Vom Lokführer, der die Liebe suchte“ inspiriert haben. Bilder von Güterzügen sowjetischer Bauart, die an Baracken vorbeidonnern. Bilder von Bewohnern, die gelernt haben, mit den tonnenschweren Ungetümen zu leben, die in unregelmäßigen Abständen durch ihren Alltag rauschen – und alles mitreißen, was sich in den Weg stellt. Gleise und Häuser trennt mitunter keine Handbreit Luft. „Lebenssituativ ein Desaster, aber cineastisch ein Juwel“, sagt Helmer. Der Dreh in Aserbaidschan wurde selbst schnell zum Desaster. „Die Regierung hat uns die Unterstützung entzogen. Sie wollte nicht, dass wir in einem Viertel drehen, das sie als Schandfleck empfindet. Jeder Drehtag wurde zum Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei.“ Deshalb entstanden Teile des Films letztlich in Georgien. Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet: „Vom Lokführer, der die Liebe suchte“ wurde bei einem Festival in Baku gezeigt – und ausgezeichnet. „Für die, die uns geholfen haben, ist der Erfolg des Films der beste Schutz“, sagt der Regisseur.

Die Handlung von „Vom Lokführer, der die Liebe suchte“ ist schnell erzählt: Besagter Lokführer (der große und einmal mehr großartige Kusturica-Darsteller Miki Manojlovi´c) fegt mit seiner Maschine einen Büstenhalter von der Wäscheleine – und macht sich tags darauf auf die Suche nach dessen Besitzerin. Das sorgt für Verwicklungen der vorhersehbareren Art, einige tragikomische Pointen, Dreiviertel-Peinlichkeiten – und viel dramaturgischen Leerlauf, den Helmer mit schwelgerischen Kamerafahrten und ins Skurrile aufgebrezelten Details überbrückt. Auf Dialoge verzichtet der Film ganz.

Man lernt: Mit Einsatz und der einen oder anderen halbmotivierten Montage-Fingerübung lässt sich ein Kurzfilm-Plot über einen ganzen Abend dehnen. Was auch sein Gutes hat: An den Schauspielern, an Miki Manojlovi´c oder Denis Lavant („Die Liebenden von Pont-Neuf“), kann man sich kaum sattsehen. Und an der maroden Schönheit von Shanghai auch nicht. (jole)

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