Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 02.09.2019


Goldener Löwe

Filmfestival in Venedig: Filmgroßereignis zwischen Leinwand und Strand

Zwischenbilanz beim Filmfestival am Lido von Venedig: „Ema“ und „Joker“ konnten überzeugen, Assayas und Soderbergh nicht.

Selfie-Zeit am Lido. US-Schauspielerin Scarlett Johansson spendiert einer Bewunderin ihr strahlendstes Lächeln.

© AFPSelfie-Zeit am Lido. US-Schauspielerin Scarlett Johansson spendiert einer Bewunderin ihr strahlendstes Lächeln.



Von Marian Wilhelm

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Venedig – Für elf Tage im Jahr verwandelt sich der Lido di Venezia von einer Wohninsel mit Urlauber-Nostalgie in einen internationalen Filmtreffpunkt. Vieles hier existiert nur für die älteste Filmausstellung der Welt. Der Palazzo del Casinò wurde, wie die „Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica“ selbst, im faschistischen Propaganda-Stil errichtet. Daneben steht der Palazzo del Cinema, dem der rote Teppich vor die Tür gelegt wird. Hier werden die Fans freiwillig Teil einer Defilee-Inszenierung einiger berühmter (und vieler weniger berühmter) Menschen. Doch die kommen erst gegen Abend zu den Gala-Premieren. Die leidensfähigsten Fans warten aber schon untertags in sengender Hitze unter Sonnenschirmen.

Der Festivaltag am Lido beginnt um 8.30 Uhr. Die Filme des Abends werden am Vormittag der Presse präsentiert. Geschrieben werden darf darüber aber erst nach Beginn der Gala. Die vermeintlichen Weltpremieren sind also streng genommen gar keine.

So wie beim gestrigen Film-Highlight „The Laundromat” von Regie-Veteran Steven Soderbergh mit Meryl Streep, Gary Oldman und Antonio Banderas. In lustigem, etwas belanglosem Märchenton erzählen sie vom „Panama-Papers“-Skandal. Ein wichtiges, trockenes Thema, unterhaltsam verpackt.

„The Laundromat“ ist auch einer von zwei Wettbewerbs-Beiträgen, mit denen sich der Streaming-Anbieter Netflix Renommee ins Haus holen will. Zumindest für die USA und in Großbritannien wird es diesmal im November einen Vorsprung von einigen Wochen für die Kinoauswertung geben – ein Kurswechsel des hochverschuldeten Net­flix-Konzerns.

Der zweite, ungleich bessere Netflix-Film, „Marriage Story“ von Noah Baumbach, sorgt für einhelliges Lob beim Fachpublikum in Venedig. Die beiden Oscar-Anwärter Scarlett Johansson und Adam Driver spielen darin ein Ehepaar mit Kind im Scheidungsprozess, wunderbar liebevoll-traurig erzählt mit der Leichtigkeit eines Woody-Allen-Films.

Spätestens ab heute intensivieren sich unter der herabbrennenden Sonne in den Warteschlangen vor den zum Eisschrank heruntergekühlten Kinosälen die Diskussionen, wem die Jury um Lucrecia Martel nun am Samstagabend den Goldenen Löwen zusprechen wird.

Dafür gibt es natürlich inoffizielle Wettquoten. Buchmacher-Favorit war vorab mit 4:1 der Franzose Olivier Assayas. Sein Film „Wasp Network” über die exil-kubanische Konterrevolution enttäuschte aber viele. Die Comic-Verfilmung „Joker“ von Todd Phillips dagegen überraschte mit intensiv-frischem Tiefgang und eindringlichem Spiel von Joaquin Phoenix. Pablo Larrain konnte mit seinem wild-melancholischen Tanz-Drama „Ema“ ebenfalls überzeugen.

Doch bis zur Preisverleihung stehen noch sechs Festival-Tage bevor, voller Welt- premieren und Espressi, um sich auch nach dem vierten Film im Sala Giardino noch wach halten zu können. Dazwischen verspricht der bei österreichischen Festivalbesuchern beliebte Strand-Imbiss Richtung Adria Stärkung, wo sich leicht bekleidete Badegäste und schwitzende Cineasten treffen.

Sicherheitskontrollen allerorts und der Promotions-Lamborghini der italienischen Polizei erinnert an die künstliche Absurdität eines solchen Festival-Ereignisses. Und wenn sich abends Stars und Fans vom Blitzlicht auf einem farbigen Teppich haben blenden lassen, machen sich ausgewählte Festivalbesucher zur exklusiven Premierenparty auf.

An der Strandbar genehmigt sich dann auch der Fahrer einer Limousine ein Bier und erzählt von seinen Kindern daheim in Rom und den mehr oder weniger freundlichen Stars im Fond seines Dienstautos. Irgendwann kommt vielleicht auch darüber ein Film auf die Leinwand.


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