Letztes Update am Di, 17.09.2019 06:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kino

Eine Tragödie, die keiner mitkriegt: „Lillian“-Regisseur Horvath im Interview

Andreas Horvaths Film „Lillian“ läuft derzeit in Österreichs Kinos. Die TT traf den Regisseur zum Interview. Ein Gespräch über amerikanische Anachronismen, schicksalhafte Zufälle und Geburtshelfer Ulrich Seidl.

Der Verzicht auf Dialoge heißt auch, dass anderes wichtiger wird: Schauspieldebütantin Patrycja Planik in „Lillian“.

© StadtkinoDer Verzicht auf Dialoge heißt auch, dass anderes wichtiger wird: Schauspieldebütantin Patrycja Planik in „Lillian“.



In „Lillian“ geht es um eine Frau, die zu Fuß von New York in Richtung Alaska geht. Über die Beringstraße will sie zurück nach Russland. Die Geschichte ist „based on a true story“, in den 1920er-Jahren gab es tatsächlich eine Lillian Alling, die sich auf den Weg machte. Wie sind Sie auf diesen Stoff gestoßen?

Andreas Horvath.
Andreas Horvath.

Andreas Horvath: Durch Zufall. Aus einer Laune heraus beschloss ich 2004 bei einem Filmfestival in Montreal eine Freundin in Toronto zu besuchen. Die bekam an dem Abend Besuch von einem befreundeten Autor, der diese Geschichte mitbrachte. Mir war sofort klar: Den Film muss ich machen. Noch in derselben Nacht, einer vor Aufregung schlaflosen Nacht, wusste ich, wie der Film aussehen musste.

Trotzdem hat es beinahe 15 Jahre gedauert.

Horvath: Ein Film über eine russische Frau, die durch die Vereinigten Staaten und Kanada geht, noch dazu von einem österreichischen Regisseur, das lässt sich nur schwer finanzieren. Immer wieder habe ich es mit verschiedenen Partnern versucht. Als ich vor ein paar Jahren einen litauischen Produzenten beim Festival in Freistadt traf, ging es ein weiteres Mal los. Er hat sich unheimlich um den Film bemüht. Irgendwann rief er mich an und sagte, ohne österreichischen Koproduzenten ist nichts zu machen. Und ich sagte: Ulrich Seidl. Obwohl ich den noch nicht persönlich kannte – und auch nicht wusste, ob er überhaupt Filme anderer Regisseure produziert. Ich kannte und schätzte nur seine Filme. Vier Tage später rief Seidl an. Er wollte mich treffen. Von da an ging es sehr schnell.

Sie verlegen Lillians Geschichte in die Gegenwart.

Horvath: Der Stoff ist alt, aber für mich ist er zeitlos. Eine Frau geht weg, eine Frau, die ausbricht. Ich wollte nichts wiederherstellen, das irgendeinmal so gewesen sein könnte, sondern zeigen, was ist. Über die echte Lillian gibt es kaum beglaubigte Fakten. Sie wurde späte entdeckt – und verschwand wenig später ganz.

„Lillian“ ist auch ein Film über die USA der Gegenwart. Sie haben sich bereits in den Dokumentarfilmen „This ain’t no Heartland“ und „Earth’s Golden Playground“ mit den Vereinigten Staaten beschäftigt. Was interessiert Sie daran?

Horvath: Ich war mit 16 selbst Austauschschüler dort. Und zunächst erschüttert. Ich kannte die USA aus dem Kino und von Fotos, hatte New York oder Los Angeles vor Augen, als ich in Iowa in einer Kleinstadt mit vielleicht 6000 Einwohnern ankam. Dieses ländliche Amerika interessiert mich. Die Anachronismen, die man dort erlebt: ein großes Feld für Studien.

„Lillian“ ist ein Roadmovie. Gerade in amerikanischen Roadmovies steht am Ende der Reise zumeist eine Erkenntnis.

Horvath: Lillian verändert sich, selbst die Geschlechterrollen werden durchlässig. Sie wird, jedenfalls höre ich das immer wieder, bubenhafter. Aber ganz grundsätzlich interessiert mich das Auserzählen einer Botschaft weniger. Die Betrachter müssen ihre Schlüsse ziehen. Es gibt dieses alte Beispiel: Auf das Bild eines Darstellers wird ein Teller Suppe geschnitten, plötzlich wirkt der Darsteller hungrig. Folgt auf das gleiche Bild das Bild einer attraktiven Frau, ziehen die Betrachter andere Schlüsse. Das ist Film.

Spricht Ihre Protagonistin deshalb nicht?

Horvath: Der Verzicht auf Dialog heißt auch, dass anderes wichtiger wird.

Stimmt es, dass Sie ohne Drehbuch arbeiteten?

Horvath: Der Film ist eine Mischung aus mehr oder weniger improvisierten Szenen. Manche Szenen waren recht detailliert geplant, bei anderen war es unsere Aufgabe, Lillian in das, was wir vorfanden, möglichst gut zu integrieren. Gut 30 Minuten des Films habe ich mit der Hauptdarstellerin allein gefilmt. Mitunter brauchten wir uns zuletzt nur noch anzuschauen, um zu wissen, was der andere denkt.

Gespielt wird Lillian von Patrycja Planik, die davor keine Filmerfahrung hatte. Wie haben Sie sie entdeckt?

Horvath: Wir haben mehr als ein Jahr lang gesucht – und gut 700 potenzielle Darstellerinnen gesichtet. Ich habe vielleicht 60 selbst gecastet. Patrycja wurde von meiner Frau, kurz vor Drehstart, zufällig in einer Bar in Warschau entdeckt.

Ich musste während des Films immer wieder an „Walkabout“ von Nicholas Roeg denken. Einen meiner Lieblingsfilme.

Horvath: Roeg ist für mich einer der Größten, einer, dessen Filme mir zu Herzen gehen. Vielleicht gibt es diese Verwandtschaft von „Lillian“ und „Walkabout“. In beiden Filmen gibt es einen Auslöser, der alles in Bewegung bringt, der aber nicht erklärt wird.

Ist es für Sie wichtig, Ihre Arbeiten in Bezug zu anderen Werken zu setzen?

Horvath: Grundsätzlich versuche ich intuitiv zu arbeiten. Wie gesagt, manche Bilder für „Lillian“ hatte ich vor 15 Jahren im Kopf. Aber natürlich gibt es Vorbilder, wobei ich versuche, sie mir ganz bewusst nicht bewusst zu machen. Für „Lillian“ habe ich in den letzten Jahren zahllose Treatments für potenzielle Finanziers geschrieben: Da muss man dann bestimmte Vergleiche ausformulieren. An „Lillian“ hat mich das Spannungsfeld zwischen Einzelschicksal und Gesellschaft interessiert. Ein bisschen wie in Pieter Bruegels Gemälde „Sturz des Ikarus“, das ja genau genommen „Landschaft mit dem Sturz des Ikarus“ heißt.

Man muss genau hinschauen, um den Stürzenden zu entdecken.

Horvath: Genau. Es gibt das Gedicht „Musée des Beaux Arts“ von W. H. Auden, in dem er beschreibt, dass niemand diese Tragödie mitkriegt. Diesen Gedanken wollte ich filmisch umsetzen: eine Tragödie, die stattfindet, ohne dass es jemand merkt.

Das Gespräch führte Joachim Leitner


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