Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 19.09.2019


Film

“Photograph“: Glücksversprechen und Ratten im Kino der Armen

Ritesh Batra, längst in Hollywood angekommen, porträtiert in „Photograph“ noch einmal seine Geburtsstadt Mumbai.

Sanya Malhotra und Nawazuddin Siddiqui sind Bollywood-Stars. In Ritesh Batras „Photograph“ dürfen sie nicht tanzen.Foto:

© FilmladenSanya Malhotra und Nawazuddin Siddiqui sind Bollywood-Stars. In Ritesh Batras „Photograph“ dürfen sie nicht tanzen.Foto:



Von Peter Angerer

Innsbruck – Aus finanziellen Gründen kommt für Rafi (Bollywood-Star Nawazuddin Siddiqui) nur der Besuch von Kinos in Frage, in denen Filme gespielt werden, über die niemand mehr spricht. In diesen heruntergekommenen Sälen huschen Ratten auf der Suche nach Futter zwischen den Füßen der Kinogeher herum, aber Rafi stört sich nur am ermüdenden Schema der Filme. Deshalb verzichtet er auf das Finale dieser immer wiederkehrenden Liebesgeschichten, die in Bollywood am Fließband für den indischen Kinomarkt entstehen.

Solche Filme wollte der in Mumbai – früher Bombay – geborene Regisseur Ritesh Batra nie machen und bewarb sich daher für das Ausbildungsprogramm am Sundance Institute. Mit seinem in Sundance entwickelten Spielfilmdebüt „Lunchbox“ gelang ihm 2013 ein Welterfolg. Das war eine kleine Tragikomödie über das Heer der Dabbawallas, die mit ihren Fahrrädern Mumbais Büroangestellten das von ihren Frauen gekochte Mittagsmenü liefern und sich dabei schon einmal irren können.

Die berührende Geschichte über Zufall und Sehnsucht beeindruckte auch Robert Redford, der Batra 2016 als Regisseur für „Unsere Seelen bei Nacht” lancierte. Derzeit dreht Batra mit Julia Roberts „Little Bees”, zwischen beiden Filmen gönnte er sich mit „Photograph“ einen Heimaturlaub und die wehmütige Rückkehr in indische Traditionen und komplexe Konflikte, die sich aus gesellschaftlichen und konfessionellen Gegensätzen ergeben.

Für 30 Rupien (etwa 50 Eurocent) offeriert Rafi als Fotograf den Touristen vor Mumbais Sehenswürdigkeiten eine bleibende Erinnerung, doch der Erfolg hält sich in der Selfie-Ära in Grenzen.

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Miloni (Sanya Malhotra) lässt sich eher widerwillig zu einem Schnappschuss überreden. Während das Foto aus dem mobilen Drucker rattert, ist die Wirtschaftsstudentin in der Menge verschwunden. Rafi teilt sich mit fünf Männern aus seinem Dorf, Fotografen und Tagelöhner wie er, einen Raum, in dem sie nachts ihre Schlafmatten ausrollen. Vom kargen Lohn tilgt er in Raten die Mitgift für seine beiden Schwestern, seine Großmutter (Farrukh Jaffar) hat zudem drei Kandidatinnen ausgesucht, die für Rafi als Ehefrauen in Frage kommen. Mit Milonis unbezahltem Foto kann der Enkel das Traumbild einer Braut liefern, die er ohne fremdes Zutun gefunden habe. Die gewitzte und dominante Oma steigt allerdings drei Tage später aus einem Zug, rollt neben Rafi ihre Schlafmatte aus und verlangt, der glücklichen Braut vorgestellt zu werden.

Wie, fragt sich die Großmutter, kommt ein Moslem aus einem armen Bauerndorf zu einer Braut aus einer angesehenen Hindufamilie? Wieder sind es der Zufall und die auf Glückversprechen abzielende Bollywood-Dramaturgie (ohne alberne Tanzeinlagen), die Miloni zurück ins Spiel bringen. Sie ist ihrerseits auf der Flucht vor einer arrangierten Ehe und erweist sich im Kino der Armen als verwöhnte Prinzessin. Als Einzige zuckt sie angesichts der Ratten zusammen. Das ist wohl die politisch ironische Metapher für das Trennende, das schon Mahatma Gandhi nicht zu kitten wusste.