Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 25.09.2019


Film und TV

„Systemsprenger“: Neunjährige als Sprengmeisterin

Nora Fingscheidts bei der Berlinale ausgezeichnetes Filmdebüt „Systemsprenger“ ist ein intensives Drama über ein 9-jähriges Problemkind.

Phänomenal: Nachwuchsdarstellerin Helena Zengel als Benni, die mit ihren Zornausbrüchen ihr Umfeld überfordert.

© APA/GindlPhänomenal: Nachwuchsdarstellerin Helena Zengel als Benni, die mit ihren Zornausbrüchen ihr Umfeld überfordert.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „I ain’t got no home, ain’t got no mother”, singt Nina Simone im Abspann des Anfang des Jahres bei der Berlinale ausgezeichneten deutschen Dramas „Systemsprenger“. So ganz stimmt das bei Benni nicht. Aber die 9-Jährige ist ein so genannter „Systemsprenger“. Ihre leibliche Mutter kommt mit ihren Wutausbrüchen nicht klar und auch die Profis in auf „Problemfälle“ spezialisierten Wohneinrichtungen sind bald überfordert. Benni ist schon aus Dutzenden Heimen geflogen, auch wenn ihre zuständige Beamtin beim Jugendamt weiter alles versucht. In diese Ausgangssituation wirft der Film von Nora Fingscheidt das Kinopublikum mitten hinein, nur um dann sensibel Wege aus der Krise zu begleiten. Klar, dass Benni selbst dafür sorgen wird, dass diese Auswege auch zu Sackgassen werden. Lediglich der Betreuer Micha (Albrecht Schuch) scheint als ruhiger Gegenpol einen Zugang zu dem Mädchen zu finden. Er macht seinem „Kampfzwerg“ nichts vor und meint nur „selber schuld“, als sie sich in blinder Wut den Kopf an der Scheibe verletzt. Und immer wieder denkt man sich als Zuschauer dasselbe. Micha versucht trotzdem, ihr einen Silberstreifen am kindlichen Horizont aufzuzeigen: „Weil ich immer so austicke, darf ich nicht zu Mama.“ – „Aber das kannste ja ändern.“

Seine an pubertierenden Gewalttätern geschulte Einzelbetreuung in einer Hütte im Wald bringt nach 40 Filmminuten eine neue Ernsthaftigkeit in das verzweifelte Chaos rund um Benni. Doch Fingscheidt lässt in ihrer starken, wenn auch etwas anstrengenden Studie keine Naivität aufkommen. Auch die Ruhe in der Natur wird es nicht richten.

Mit feinem psychologischem Gespür findet sie eine angenehme Distanz zur nervenaufreibend-realistischen Geschichte, die mit intensiven zwei Stunden Laufzeit doch etwas breitgetreten wird.

Ihre phänomenale junge Hauptdarstellerin Helena Zengel schafft es bei aller gewalttätigen Provokation doch, Sympathie zu erzeugen. So wie Benni sei sie zwar nicht, „aber diese Energie, die erkenne ich wieder. So bin ich auch. Sie hat einen starken Willen“, so Zengel.

Fingscheidt klammert falsche Fantasien von Schwarzer Pädagogik, um die Kleine zu brechen, ebenso geschickt aus wie allzu einfache Ursachenforschung oder Urteile über das gesellschaftliche „System“, das Benni sprengt. Ein medizinisch-therapeutisches Wundermittel gibt es nicht. Und fast wünscht man sich, dass Bennis Antwort auf die Frage, was sie mal werden will, wahr wird: „Erzieherin.“