Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 26.09.2019


Filmkritik

„Midsommar“: Heller Horror in Hårga

Es gibt kein Entkommen: Ari Asters hermetischer Horrorfilm „Midsommar“ nützt nordische Folklore als falsche Fährte zu psychologischen Abgründen.

Trennungsängste in Folk-Horror-Kostümierung: In den USA wurde „Midsommar“ als Entdeckung gefeiert.

© LunafilmTrennungsängste in Folk-Horror-Kostümierung: In den USA wurde „Midsommar“ als Entdeckung gefeiert.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Für Cinephile hält der Mystery-Film „Midsommar“ nach etwa 40 Minuten einen kleinen Spaß bereit. Gerade als der Film erstmals heftige Töne anschlägt, hat nämlich Björn Andrésen seinen Auftritt. Er spielte einst in Luchino Viscontis „Tod in Venedig“ einen schönen Jüngling am Strand. Nun gibt er einen bärtigen Ältesten in der schwedisch-amerikanischen Koproduktion des New Yorker Regisseurs Ari Aster. Der traf mit „Midsommar“, seinem zweiten Spielfilm, einen Nerv und erntete, nach seinem Debüt „Hereditary“, zum US-Start im Sommer viel Lob. Ein Kritiker verglich den Film gar mit einer Oper: „Wagner, nicht Puccini.“

In der Mitte von „Midsommar“ stellt die Protagonistin Dani die Frage: „Is it scary?“ Die Antwort fällt für sie anders aus als für die Kinozuschauer und den Rest ihrer Truppe. „Midsommar“ ist kein Horrorfilm im klassischen Sinne. Trotz einiger offensiv blutiger Momente setzt der Film nicht auf Angst und Terror. Vielmehr zielt die Genre-untypische Atmosphäre auf psychologische Irritation ab. Am ehesten lassen sich Parallelen zum Mystery-Meister M. Night Shyamalan und seinem ländlichen Psycho-Schocker „The Village“ finden. Doch während im Shyamalans Dorf die furchteinflößenden Monster in der Dunkelheit des Waldes lauern, lässt Aster seine abgelegene Gemeinschaft in der hellen Sonne Schwedens ein rauschendes Fest feiern. Die Amerikanerin Dani (stark: Florence Pugh), die kürzlich ihre Familie verloren hat, wird zusammen mit ihrem Freund und zwei weiteren Freunden dazu eingeladen. Diese traditionelle Mittsommer-Feier in Hårga finde nur alle 90 Jahre statt, erklärt ihnen der schwedische Austauschstudent Pelle. Doch seine schwedische Kommune hat neben der auf neun basierenden Zahlenmystik ein Geheimnis, das sich den ausländischen Gästen erst nach und nach offenbart. Unter dem Einfluss von Naturdrogen werden die vier immer mehr Teil der heidnischen Folklore – einige mehr, als ihnen lieb ist: Mädchen mit Blumenkränzen im Haar führen einen Tanz-Wettbewerb um einen Maibaum aus, deren Gewinnerin zur Mai-Königin gekürt wird.

Solche Rituale dürften im Alpenraum nicht ganz so exotisch wirken wie beim amerikanischen Publikum. Die eingeschworene Gemeinschaft blonder Hünen, die nordische Runensteine verehren, trägt hierzulande freilich die Spurenelemente eines anderen Horrors in sich. Das hat Autor und Regisseur Ari Aster aber nicht im Sinn. Sein Zugang spiegelt sich gewissermaßen in seinen Hauptfiguren, die Anthropologie und Psychologie studieren. Unter den traditionsbewussten Oberflächen brodelt es. Aster gestand außerdem, dass im Kern des Films die Geschichte „einer Trennung steckt, mit den Kleidern eines Folk-Horror-Film kostümiert“.

Der Clou bei „Midsommar“ ist seine ungewohnt-freundliche Ästhetik: Sonnenschein, weiße Kleider und blumige Deko führen einen auf eine falsche Fährte, die oft nur von der Musik konterkariert wird. Asters Slow-Burner-Film überlistet die Zuschauer immer wieder und lockt sie wie Dani in die mystisch-psychologische Mittsommer-Welt. Wie die heidnisch-schwedische Sekte erlaubt sein hermetischer Film kein Entkommen. Nordische Folklore als symbolistischer Horrortrip: Välkomna!