Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 20.11.2019


Film und TV

Zartbittere Szenen vom Ende einer Ehe

Noah Baumbach gelingt mit „Marriage Story“ ein zeitloser, intensiv-leichtfüßiger Film über die Auflösung einer Beziehung.

null

© Netflix



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „Im Gesetz steht von Liebe kein Wort“, bemerkte die Wiener Scheidungsanwältin Helene Klaar einmal in einem Interview. Von dieser Divergenz zwischen Gesetz und Leben erzählt auch Noah Baumbachs neuer Film „Marriage Story“. Es ist ein Film über das Zerbrechen einer Beziehung durch die Auflösung einer Ehe. Nicole und Charlie sind seit über zehn Jahren ein Paar. Auch beruflich. Sie arbeiten an einem New Yorker Off-Theater. Er als Regisseur, sie ist Schauspielerin. Sohn Henry ist im Volksschulalter. Doch die Geschichte beginnt mit dem Beziehungsende. Im Zimmer eines Paartherapeuten sollen sie sich gegenseitig positive Eigenschaften des anderen vorlesen. Ein wunderbares Trugbild. Ein Spiel, bei dem die beiden Figuren nicht mitspielen. Und so ist diese „Ehegeschichte“ über ruhige 136 Minuten auch ein Lehrstück über das Erzählen selbst. Erst im Erzählen wird die Trennung Wirklichkeit. Alltägliche Details werden in der Rückschau zu isolierten Ereignissen, die sich unterschiedlich ausdeuten lassen, eine gemeinsame Geschichte wird zu zwei verschiedenen Geschichten. Der Film vollzieht diese Veränderung mit. Und er kämpft gegen sie an. Denn Baumbachs Sympathie gilt der ganzen Familie und ihren Mitgliedern. Er schlägt sich auf keine Seite, zeichnet Eskalationsschritte nach. Schlafwandlerisch schlittern Nicole und Charlie, die sich anfangs gütlich im Sinne ihres Sohnes einigen wollten, in einen juristischen Rosenkrieg. Rund um den Gerichtssaal entwickelt sich ein theatrales Spiel, das nach und nach auf alle Lebensbereiche übergreift. In diesem Spiel sind die beiden Theater-Profis Laiendarsteller. Sie verlieren die Kontrolle. Die Figuren bewegen sich durch die Häuser und Wohnungen in New York und Los Angeles, die einst ein Zuhause waren, oder solche, die es noch nicht sind: ein Hotelzimmer, ein leeres Apartment mit Erinnerungsfotos an den Wänden, der Proberaum des Theaters am Times Square.

Mit meisterhafter Hand navigiert Baumbach mit seiner Schnittmeisterin Jennifer Lame durch die Szenen dieser Scheidung. Anders als bei Ing­mar Bergman, an den ein Artikel an der Wand im Haus von Nicoles Mutter erinnert, in „Szenen einer Ehe“ oder François Ozon in „5 x 2“ entwickelt sich der Film ganz organisch, beinahe sanft. Immer wieder löst sich die dramatische Stimmung für Momente slapstickhafter Leichtigkeit. Darin wird die Verwandtschaft von Baumbach mit seinem filmischen New Yorker Nachbarn Woody Allen deutlich, der in seinen besten Beziehungs-Tragikomödien wie „Hannah and her Sisters“ Ähnliches zustande brachte.

Scarlett Johansson und Adam Driver lassen als schauspielende Charaktere ihre Masken fallen und geben alles, ergänzt durch ein tolles Ensemble, durch den phänomenalen Auftritt von Laura Dern zum Beispiel, die eine Anwältin spielt.

Und so ist „Marriage Story“ am Ende zwar die Geschichte einer Trennung mit all ihren Kämpfen, die in einem intensiven Streit gipfeln. Doch auch die Scheidung ist nur eine Story. Genauso wie die Ehe zuvor. Die Emotionen selbst jedoch macht Baumbach nie zur Fiktion. Sie gehen der Geschichte voraus und folgen ihr, doch sie bleiben bis zum Schluss die ambivalente, widersprüchliche Wahrheit einer Beziehung.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.




Kommentieren


Schlagworte


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Die Zuschauer im brechend vollen Telfer Rathaussaal genossen die historischen Filmdokumente über das Schleicher­laufen ...Telfs
Telfs

Von „seltsamen Masken“ und stürmischer Anerkennung

Historische Filmaufnahmen des Schleicherlaufens entführten in die Geschichte der Telfer Fasnacht – die am 2. 2. 2020 ihre Fortsetzung findet.

Rote Blumen auf dem Roten Teppich: Szene aus Jessica Hausners Film "Little Joe".Zehn Nominierungen
Zehn Nominierungen

„Little Joe“ als großer Favorit beim Österreichischen Filmpreis 2020

Mit zehn Nominierungen ist der Film von Jessica Hauser der Spitzenreiter. Mit sieben Nominierungen Marie Kreutzers Psychostudie „Der Boden unter den Füßen“.

Zwiegespräch zweier Kirchenmänner: Joseph Ratzinger (Anthony Hopkins, links) und Jorge Mario Bergoglio (Jonatha­n Pryce), der wenig später zum neuen Papst gewählt werden wird.Kino
Kino

Eine Pizza für zwei Päpste

Wie es gewesen sein könnte: Anthony Hopkins und Jonathan Pryce machen „Die zwei Päpste“ zum großen Schauspielkino.

kino
Bond gegen Blofeld: Die beiden Widersacher treffen auch im neuen Streifen aufeinander.Video
Video

Erster Trailer zum neuen Bond-Film: Christoph Waltz als Blofeld zurück

Der erste Trailer zum 25. Agenten-Abenteuer ist da. Offenbar hat nicht nur 007 „Keine Zeit zu sterben“. Auch sein legendärer Widersacher Blofeld taucht wiede ...

kino
Der Streifen mit Scarlett Johansson soll im Mai in die Kinos kommen.Kino
Kino

„Black Widow“: Erster Trailer zum Marvel-Spektakel mit Scarlett Johansson

Der erste Trailer zum Marvel-Kracher „Black Widow“ ist da. In dem Film dreht sich alles um Scarlett Johanssons Heldin Natasha Romanoff, die es zurück nach Ha ...

kino
Weitere Artikel aus der Kategorie »