Letztes Update am Fr, 07.03.2014 18:11

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Filmpremiere: Der Stille Berg

„Dem Berg ist es egal, ob wir uns die Schädel einschlagen“

Nächste Woche startet das Gebirgskriegdrama „Der Stille Berg“ in die heimischen Kinos. Der Innsbrucker Regisseur Ernst Gossner im Gespräch darüber, warum er nichts von allzu schockierenden Bildern hält und der Krieg nach wie vor präsent ist.



Innsbruck – Es war einer der ungewöhnlichsten und blutigsten Schauplätze des Ersten Weltkrieges. Ganze Bergkuppen wurden gesprengt, zehntausende kamen ums Leben. Den bizarren Gebirgskrieg in den Südtiroler Dolomiten hat der aus Innsbruck stammende Regisseur Ernst Gossner in „Der Stille Berg“ zu einem packenden Spielfilm verarbeitet.

Neben Stars wie Claudia Cardinale oder dem Briten William Moseley (Die Chroniken von Narnia) waren auch zahlreiche Tiroler am Film beteiligt. Das Drehbuch stammt von Clemens Aufderklamm, für die beeindruckend schwindelerregende Kameraarbeit zeichnet Daniela Knapp verantwortlich.

Und auch vor der Kamera überzeugen Tiroler Schauspieler wie Harald Windisch, Julia Gschnitzer oder Brigitte Jaufenthaler.

Mit dem Gebirgskrieg setzte sich Regisseur Ernst Gossner bereits in dem Dokumentarfilm „Global Warning“ (2011) auseinander. Warum er nichts von allzu schockierenden Bildern hält und der Krieg nach wie vor präsent ist: Ein Gespräch mit Ernst Gossner über Krieg und seine Darstellbarkeit.

Sie stellen sich gleich zu Beginn Ihres Dokumentarfilms „Global Warning“ die Frage: „Warum will ich eine Geschichte über den Krieg erzählen? Welche Antworten haben Sie nach Ihren beiden unterschiedlichen filmischen Auseinandersetzungen mit dem Thema gefunden?

Ernst Gossner: Meine Motivation erkläre ich eingangs auch in der Doku. Ich habe in Amerika erlebt, wie sich die Gesellschaft nach 9/11 verändert hat. Plötzlich war alles voll mit Flaggen. Ich glaube das letzte Mal, wo ich so viele Flaggen gesehen habe war auf einem Bild aus Nazideutschland. Ich will das natürlich nicht eins zu eins vergleichen, aber es war sehr ungewohnt. Die Fragen, die ich mir gestellt habe, bleiben natürlich bestehen, auch wenn die Welt grundsätzlich friedlicher geworden ist. Das heißt aber nicht, dass nicht noch etwas Gröberes passieren kann. Der Film „Der Stille Berg“ ist so eine Art Zwischenstand meiner Auseinandersetzung. Und auch eine Frage: Was denkt das Publikum darüber?

Sie haben sich in Ihrer Antikriegsdoku in Tirol auf Recherche gemacht. Ab 1915 verlief in Südtirol die Italien-Frontlinie. War Ihnen die ungeheure Dimension der Gebirgskriege damals schon bewusst?

Ernst Gossner: Wenn Du wirklich dort oben stehst, ist es schon eine Überraschung. Da lag auf 3500 Metern immer noch scharfe Munition, dutzende Sprengkörper. Ein Ofen stand da mit Ofenrohr, die Holzplanken der Hütte ca. anderthalb Meter hoch, dazwischen das Moos bzw. das Stroh, mit dem abgedichtet wurde. Es wirkte ein bisschen so, als hätten sie es gerade erst verlassen, dabei ist es schon hundert Jahre her. Das ist schon bizarr, du hast eine unglaublich wunderschöne Landschaft und du siehst in dieser monumentalen Landschaft einfach die Überreste von diesem dreckigen Krieg. Dieser Konstrast hat eine ganz eigene Dynamik und lässt es noch einmal absurder erscheinen, dass der Mensch so was gemacht hat und nach wie vor macht.

Für der „Stille Berg“ haben Sie auch an einigen der Originalschauplätze gedreht...

Ernst Gossner: Wir haben in diesen Stellungen, in diesen Tunnels, die es nach wie vor gibt, gedreht. Das ist schon seltsam, wenn man weiß: Da ist Dein Urgroßvater oder wie bei mir der Urgroßonkel ums Leben gekommen.

Davon erzählen Sie auch in „Global Warning“...

Ernst Gossner: Meine Oma erzählte mir mein Urgroßonkel sei im Gebirgskrieg gefallen, beim Nachfragen hieß es dann, ‚Nein, nicht gefallen, verhungert.‘ Und ich dachte mir, was verhungert? Und als 2004 diese Soldaten ausgeapert sind (Die Leichen von drei Austro-hungarischen Soldaten wurden am Adanello-Gletscher entdeckt, Anm.) dachte ich die Geschichte schält sich aus dem Eis und zeigt uns die Fratzen von diesem Krieg, der vor hundert Jahren passiert ist. Und das in einer Natur, die so schön und dramatisch ist, dass man das Bild alleine schon stehen lassen kann, ohne dass es langweilig wird.

In „Global Warning“ äußern sie die Ansicht, das Geschehen sei nicht allzu weit weg?

Ernst Gossner: Absolut nicht. In den Jahren, in denen ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, wurde mir immer mehr bewusst, dass das, was damals passiert ist, nie aufgearbeitet wurde. Zum einen weil gleich danach der Zweite Weltkrieg gekommen ist. Wir leben nach wie vor mit den Auswirkungen, die Teilung Tirols ist ein Faktum, egal wie man dazu stehen mag.

Auch wenn man jetzt sagt; Ach! Hundert Jahre Erster Weltkrieg, jetzt geht es mir langsam auf die Nerven, ist es doch wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, denn es kann ein paar Sachen zutage fördern, die für uns heute auch noch wichtig sind.

Bilder spielen in der Kriegspropaganda eine entscheidende Rolle. Sind Sie bei Ihrer Recherche auf dominante Bilder bzw. Inszenierungen des Gebirgskrieges gestoßen?

Ernst Gossner: In den Darstellungen damals dominierte natürlich der Held, man hat keine Toten gezeigt. Die einzigen Toten, die man gesehen hat, waren nur die Italiener. Es war kein Alpinheldendrama sondern ein industriell geführter Krieg der in die Berge gesetzt wurde. Die höchste Kanone war am Ortler oben, drunter waren ganze Batterien. Das interessante ist auch, dass an diesem speziellen Abschnitt mehr Leute durch die Natur als durch den Feind ums Leben kamen. Drum auch der Filmtitel. Dem Berg ist es wurscht, wenn wir uns den Schädel einschlagen. Würde man dem Berg eine Moralität geben, die er nicht hat, aber im Film kann man das ja ein bisschen machen, dann ist das Statement der Natur: ’Ok, ihr könnt von mir aus auch die Bergkuppen sprengen, aber ich bleibe da, ihr geht. Ihr hauts euch die Schädel ein, aber wisst ihr was: ich hau noch mehr Schädel ein.’ Das fand ich ein interessantes Statement der Natur.

In „Global Warning“ ziehen Sie Parallelen in der Kriegsrhetorik damals und heute?

Ernst Gossner: Es war damals alles zensiert, jeder Brief ist durch die Zensur gegangen. In diesen vier Jahren haben die Habsburger einen Militärstaat geschafffen. Die Frauen hatten nichts mehr zu melden, die mussten arbeiten, auch Nachtarbeit. Kinder und Jugendliche mussten arbeiten. Falls jemand die Idee hatte, Arbeiterrechte einzufordern, kam er sofort an die Front. Als hätte man geübt für die Nazizeit. Mir ist es jedenfalls so vorgekommen, als ob die Habsburger ein bisschen die Nazizeit mitbegründet hätten. Ich bin aber freilich kein Historiker.

Der Umgang mit schockierenden Bildern ist vor allem im Dokumentarischen ein heikles Thema. Medienkritiker warnen, dass die Überflutung mit solchen Bildern gesellschaftlich zu einer sogenannten „Compassion Fatigue“ führe, eine Art Mitgefühlsmüdigkeit, die Zynismus und geringere Hilfsbereitschaft mit sich bringt. Wie ist Ihre Sicht als Filmemacher?

Ernst Gossner: Mir geht es nicht darum zu zeigen: ’So grauslich, tut’s das net’, ich glaube, das bringt auch nichts. Ich schau mir solche Dinge schon an, aber ich finde auch man muss aufpassen, dass man nicht zu dramatisch wird. Gerade bei einem Dokumentarfilm über Krieg, sagen viele warum gehst du nicht in ein Kriegsgebiet und recherchierst vor Ort? Das interessiert mich nicht, ich will nicht sehen, wie es ausschaut wenn jemanden der Kopf eingeschlagen wird. Ich bin froh, dass ich mich mit dieser Dramatik überhaupt nicht konfrontieren muss. Ich will die Mechanismen dahinter verstehen: wie haben das andere gemacht, dass wir so weit gekommen sind? Dadurch alleine ist die Bildauswahl schon einmal eine andere, als wenn ich in den völligen Wahnsinn des Krieges hineintauche.

Wie geht man als Spielfilmregisseur bei solch einem Thema vor?

Ernst Gossner: Wir haben versucht mit verschiedenen Mitteln heranzugehen. Aber auch nicht so, das man zeigt, wie der Arm, der gerade abgerissen wurde, durch die Gegend fliegt. Das gibt es ja alles schon. Aber wir haben versucht, Szenen zu finden, die die Dramatik so eines Krieges darstellen. Nicht so plump, dass man sieht wie die Gedärme (hält inne)... Wobei es gibt eine Szene mit Gedärmen...(lacht)

Es ist wichtig, Bilder zu finden, die hängen bleiben. Da sind ein paar bizarre Szenen. Aber alle Szenen, die im Stillen Berg drinnen sind, stammen aus Tagebüchern. Da stehen Dinge drin, die sind so heftig, die willst du gar nicht zeigen. Und die sind natürlich genau das Gegenteil von dieser Heldendarstellung und diesem Kampf der Bergführer gegeneinander. Da sind genug Leute da oben gesessen, die haben gesagt: ’Seid ihr Wahnsinnig ?’ Und es sind genug Leute desertiert, genug Leute in den Selbstmord oder in die Gefangenschaft gelaufen. Und ich verstehe sie. Den Wahnsinn, den die Machthaber aufgeführt haben, für den ’ehrenvollen Untergang’, das lässt einem heute noch die Haare zu Berge stehen.

Die Fragen stellte Silvana Resch