Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 07.06.2017


documenta

Ein Austauschschüler in Athen

Mit 10. Juni kehrt die documenta zurück ins heimatliche Kassel. Was wird vom Ausflug der internationalen Großausstellung nach Athen bleiben? Ein Rundgang unter der Akropolis.

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© Documenta 14 - Fanis Vlastaras



Von Ivona Jelcic

Athen – Börsenkurse laufen in einem dunklen Auditorium über ein Leuchtband, aus Lautsprechern erhebt sich ein vielstimmiger Chor: Er erzählt Geschichten, die diverse Finanzkrisen seit 1929 dem Leben eingeschrieben haben. „The Way Earthly Things Are Going“ heißt die Arbeit des Nigerianers Emeka Ogboh, die im Athener Konservatorium zu sehen ist. Und die exakt im Einklang mit dem Grundton dieser documenta steht, die sich nichts weniger vorgenommen hat, als sich der großen Krisen der Gegenwart mit den Mitteln der Kunst anzunehmen. Noch dazu nicht in gewohnt-bequemer Umgebung, sprich: in der angestammten documenta-Heimat Kassel, sondern in der griechischen Hauptstadt, die zum Krisen-Synonym (Finanzen, Flüchtlinge) geworden ist, lange bevor Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der documenta 14, angekündigt hatte, die Weltkunstschau dieses Jahr in Athen starten zu lassen.

Ein Wagnis, keine Frage. Denn wer Kunst in offene Wunden legt, muss damit rechnen, dass sie sich dadurch erst recht entzünden. So wie am Athener Kotzia-Platz, auf dem der pakistanische Künstler Rasheed Araeen ein Zelt aufgebaut hat, in dem es zweimal täglich kostenloses Essen gibt, was Menschen zusammenbringen und bestenfalls über die Zukunft der Welt nachdenken lassen soll. Die documenta-Mitarbeiterinnen, die vor dem Zelt die Platzkarten vergeben, haben hauptsächlich damit zu tun, täglich wiederkehrenden Athenern zu erklären, dass „Food for Thought“ nicht in erster Linie als Armenspeisung, sondern fürs Kunst-Publikum gedacht ist. Ist das nun blanker Zynismus oder ein im weiten Feld der politischen Kunst produzierter Kollateralschaden? Politisch oder mindestens gesellschaftlich engagiert will hier jedenfalls vieles sein. Migration, Krieg, Zerfall, die Krise Europas liefern die Steilvorlage. Und dennoch schafft es nur weniges, über das bloße Antippen großer Fragen hi­naus auch wirklich relevant zu sein. Da helfen auch Stippvisiten in der brutalen Kolonialgeschichte des Kongo oder im Kopf von Eva Braun nichts.

Um der Gefahr entgegenzuwirken, dass der documenta-Besuch in Athen als Belehrungsversuch ausgelegt werden könnte, hat Szymczyk ihr vorbeugend den Titel „Lernen von Athen“ vorangestellt. Tatsächlich gibt man hier so etwas wie den braven Austauschschüler, der nur ja nicht (negativ) auffallen will. Die über die ganze Stadt verstreuten Standorte sind so dezent ausgeschildert, dass die Suche nach ihnen bisweilen zur mühsamen Schnitzeljagd gerät. Rasch zum Pilgerort geworden ist Rebecca Belmores aus Marmor gemeißeltes Zelt auf dem Filopappou-Hügel. Es taugt auch als das auf eine Welt in Bewegung verweisende Wahrzeichen dieser documenta. Legt man sich hinein, fällt der Blick durch die Öffnung geradewegs auf die gegenüberliegende Akropolis. Und damit vielleicht auch auf jenen Aspekt, der bei der Betrachtung der Gegenwart durchaus hilfreich sein kann: die vielen einander überlagernden historischen Schichten, die erst das Ganze der Gegenwart ausmachen. Lois Weinberger liefert dafür den in seiner spröden Poesie lang nachwirkenden Beweis, wenn er zeigt, was sich über Jahrhunderte hinweg unter Bodenbrettern, in Gewölbezwickeln und in sonstigen verborgenen Winkeln des elterlichen Bauernhauses in Stams an Zeugnissen des Lebens und Sterbens angesammelt hat. Und was wir alles hineindenken, wenn es uns fein säuberlich sortiert und archäologisch ausgewertet präsentiert wird.

Weinbergers „Debris Field“ (Trümmerfeld) ist im Museum für zeitgenössische Kunst (EMST) zu sehen: Seit Jahren verzögert sich dessen Eröffnung wegen Geldmangels, dass man nun doch auf Rolltreppen durch das ausladende, aber halbleere Gebäude transportiert wird, ist der documenta geschuldet. Was nach deren Ende am 16. Juli ist, weiß man nicht so recht. Einstweilen hat Hans Haacke „We (all) are the people“ in zwölf Sprachen an die Fassade geschrieben, das dürfte sich in den letzten Jahren auch auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament, als Schauplatz wütender Proteste durch die Welt gegangen, so mancher gedacht haben. Im Rahmen der documenta hat hier der ghanaische Künstler Ibrahim Mahama zum gemeinschaftlichen Nähen von Jutesäcken geladen. Mit solchen wurden inzwischen Kasseler Gebäude verhüllt. Nach Kassel sind jetzt auch alle Blicke gerichtet, der Kunst-Tross hat sich längst wieder in Bewegung gesetzt, hier eröffnet die documenta am Wochenende.

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Aber was passiert mit jemandem, der unfreiwillig zwischen den Welten strandet? Naeem Mohaiemens Film „Tripolis Cancelled“, basierend auf Erfahrungen seines Vaters und bildmächtig in Szene gesetzt auf dem stillgelegten alten Flughafen von Athen, will davon eine leise Ahnung geben.