Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 07.12.2017


Kunst

Chronik einer österreichischen Lösung

In „Feindliche Gewalten“ zeichnet Sophie Lillie das Ringen um Klimts Beethovenfries aus der Sicht der jüdischen Sammlerfamilie Lederer nach.

© ROLAND SCHLAGER / APA / picturedDem Teilstück „Die feindlichen Gewalten“ (Ausschnitt) von Klimts Beethovenfries hat Sophie Lillie den Titel ihres Buches entliehen. Foto: APA/Schlager



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Im März 2015 empfahl der österreichische Kunstrückgabebeirat einstimmig, Gustav Klimts Beethovenfries nicht an die Erben nach Erich Lederer zu restituieren. Der damalige Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) folgte dieser Empfehlung, damit fand eines der aufsehenerregendsten Restitutionsverfahren der letzten Jahre ein Ende. Der Beirat war zu dem Schluss gekommen, dass das von der Republik über den Fries verhängte Ausfuhrverbot „nicht eingesetzt wurde, um mit diesem Druckmittel den Fries zu erwerben“.

Die renommierte Wiener Provenienzforscherin und Kunsthistorikerin Sophie Lillie zeichnet ein anderes, man könnte auch sagen vollständigeres Bild als jenes, das zwischen 2013 und 2015 nicht zuletzt auch die mediale Debatte bestimmte. „Feindliche Gewalten“ ist zunächst ein Porträt des Industriellenpaares August und Szerena Lederer, die zu den wichtigsten Förderern der Kunst der Wiener Moderne gehörten und über die wichtigste und größte Privatsammlung von Werken Gustav Klimts verfügten. Minutiös zeichnet Lillie aber auch die Geschehnisse der Nachkriegszeit und die mehr als zwei Jahrzehnte dauernden Bemühungen von Augusts und Szerenas Sohn Erich Lederer nach, sich mit der Republik über den mit einem Ausfuhrverbot belegten Beethovenfries zu einigen.

Lillie, das ist bekannt, hatte 2013 im Auftrag einer Erbengruppe nach Erich Lederer ein Gutachten erstellt. Dieses bildet auch die Grundlage für ihr Buch, das, so die Autorin im Vorwort, der Stimme jener Seite Gehör verschaffen soll, die im Verfahren gefehlt habe. Die Nachkommen Erich Lederers, die 2013 die Rückgabe des Frieses beantragt hatten, seien vom Beirat „zu keinem Zeitpunkt“ befragt worden und hätten auch keinen Einblick in dessen „entscheidungsrelevanten Überlegungen“ erhalten, kritisiert Lillie.

Die Familie Lederer – August Lederer verstarb 1936 – wurde von den Nationalsozialisten enteignet, ihre Kunstsammlung beschlagnahmt. Zehn Hauptwerke Klimts, die von den NS-Behörden in Schloss Immendorf gelagert wurden, sind dort 1945 verbrannt. Nach dem Krieg wurden Teile der Sammlung an Erich Lederer zurückgegeben, nicht wenige Werke musste er im Gegenzug für die Ausfuhrgenehmigungen anderer verschiedenen Museen als Schenkung überlassen. Hier beginnt nach der dunklen österreichischen NS-Geschichte ein unrühmliches Kapitel österreichischer Nachkriegszeit, in dem u. a. Karrieristen aus der Zeit des NS-Regimes zu Gutachtern über den Beethovenfries ernannt und Restaurierungskosten als Druckmittel verwendet wurden, und in dem von der Finanzprokuratur ganz offen eine Zwangsversteigerung als Möglichkeit benannt wurde, möglichst günstig an dieses Hauptwerk der Wiener Moderne zu kommen. Es gab auch andere Stimmen, etwa jene des damaligen Belvedere-Direktors Hans Aurenhammer, der sich für ein seriöses Ankaufsangebot an Lederer einsetzte.

1972 verkaufte Lederer den Fries schließlich für 15 Millionen Schilling an die Republik. Schon 1970 hatte er, 76-jährig, notiert, es sei ihm, „als stünden die Behörden mit der Uhr in der Hand und sagten sich, stirbt er endlich, stirbt er nicht endlich dieser LEDERER!“.

Diese Geschichte verdiente es, dokumentiert zu werden. 2018 steht wieder ein Klimt-Jahr an. Eine Stiftertafel, wie sie einst Bruno Kreisky Erich Lederer in Aussicht gestellt hatte, gibt es in der Wiener Secession, wohin der Beethovenfries Scharen von Besuchern lockt, bis heute nicht.

Sachbuch Sophie Lillie: „Feindliche Gewalten. Das Ringen um Gustav Klimts Beethovenfries“, Czernin Verlag 2017, 192 Seiten, 24 Euro.