Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 07.02.2018


Kunst

„Die Kunst hat triumphiert“

Das Museion in Bozen geht mit der Ausstellung „Body Check“ auf direkten Konfrontationskurs mit der eigenen Vergangenheit. Ein Weg, der dem Haus und auch Südtirol sehr gut tut.

© Bei "Body Check" in Bozen: Werke von Maria Lassnig.



Von Barbara Unterthurner

Bozen – „Der Frosch muss weg!“ Mit diesem Schlachtruf wehrte sich 2008 ein großer Teil Südtirols gegen die Eröffnung des Museions in Bozen. Grund dafür war Martin Kippenbergers gekreuzigter Frosch, der im Foyer des Prachtbaus hing. Vergangene Woche strömten rund 1000 Interessierte zur Eröffnung der Ausstellung „Martin Kippenberger. Maria Lassnig. Body Check“ in ebendiesen Prachtbau, um zehn Jahre später mit Vertretern von Politik und Kirche jenen Künstler zu feiern, der ein Jahrzehnt vorher einen der heftigsten und nachhaltigsten kulturpolitischen Skandale Südtirols auslöste.

Viele kamen wohl auch in der Hoffnung auf einen neuen Skandal, denn alle Anwesenden erinnern sich: Im Bozner Museion war damals am Piero-Siena-Platz in einem ambitionierten Gebäude die noch ambitioniertere Ausstellung eröffnet worden. „Peripherer Blick und kollektiver Körper“ brachte das Who’s who der zeitgenössischen Künstler nach Bozen. Unter ihnen auch Martin Kippenberger, mit dem provokanten Werk aus der Serie „Fred the Frog“, dem gekreuzigten Alter Ego des Künstlers. Dieser „Frevel“ rief Moralisten auf den Plan, eine Flut an Leserbriefen bezichtigte das Museion nicht nur der Blasphemie, sondern man stellte auch die öffentliche Finanzierung des Museumsprojekts in Frage. Eine laute Meinung stimmte damals SVP-Politiker Franz Pahl an, der sogar in einen neuntägigen, allerdings erfolglosen Hungerstreik trat.

Immerhin: Das junge Museion machte von sich reden und der Frosch blieb (wenn auch an einem anderen Platz) – im Gegensatz zur Karriere des hungernden Politikers Pahl und auch jener von Corinne Diserens, die als Verantwortliche das eben neu bezogene Direktorenbüro wieder räumen musste. Und der Frosch hängt auch zum Zehn-Jahr-Jubiläum wieder, wenn auch als Friedensmission. Denn Letizia Ragaglia, inzwischen selbst fast zehn Jahre Direktorin des Museions, geht anlässlich des Jubiläums gemeinsam mit Gastkurator Veit Loers auf Konfrontationskurs mit der eigenen Geschichte. Kein Überspielen, kein Verdrängen, „die Aufgabe bestand darin, die Freiheit der Kunst und damit Kippenberger und die Vergangenheit nochmal zu thematisieren“, erklärt Direktorin Letizia Ragaglia im TT-Gespräch. Daraus entstand eine, für das Museion ungewöhnliche, historisch-museale Ausstellung, die weniger Fragen aufwirft und Provokation ehrt, sondern für die Kunstgeschichte neue Denkansätze liefert.

Über 60 Werke der bereits verstorbenen Künstler Martin Kippenberger („Ohne Titel (Medusa)“ von 1996) und Maria Lassnig („Die Lebensqualität“ von 2001) bringt die aktuelle Schau „Body Check“ nach Bozen.
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Veit Loers, der bereits Direktor am Fridericianum in Kassel und am Museum Abteiberg Mönchengladbach war und außerdem 2010 bis 2012 auch den Kunstraum in Innsbruck leitete, hat mit „Body Check“ eine durchaus gewagte Gegenüberstellung angedacht: Kippenberger, der ewige Störenfried, sollte abseits von Provokation aus einer neuen Perspektive beleuchtet werden. Dafür wurde ihm die 35 Jahre ältere – aber nicht weniger brisante – Maria Lassnig gegenübergestellt. Eine Konfrontation, die durchaus gelingt. Denn in etlichen Ansätzen, im Zentrum steht konkret die Dekonstruktion des Körpers, sind die Ähnlichkeiten frappierend. Obwohl aus unterschiedlichen Generationen stammend, stellen beide das Selbstbildnis in den Mittelpunkt ihres Schaffens. Der fragmentierte Körper wird bei beiden Künstlern zur Metapher für soziale und psychische Konflikte.

Bei allen Ähnlichkeiten, die aufscheinen, wird der Besucher durch die gelungene Ausstellungsarchitektur von Marco Palmieri allerdings nie gezwungen, die Werke vergleichen zu müssen: Die Hängung im ständigen Gegenüber ist vielmehr ein Miteinander, auch wenn die Werke stets strikt getrennt bleiben. Wie eben auch die Wege der beiden Künstler, die sich wohl nie physisch trafen.

Achtung! Muster

Martin Kippenberger – Maria Lassnig. Body Check: 3. Februar bis 6. Mai 2018.

1. März: Peter Pakesch (Vorsitzender Maria-Lassnig-Stiftung) und Veit Loers (Gastkurator 2018) im Gespräch mit Susanne Barta.

22. März: Susanne Kippenberger (Schwester des Künstlers) liest aus der Biografie „Kippenberger“.

Beide Herangehensweisen sind gleichrangig. Und das ist ein Ansatz, der bei aller Skandalträchtigkeit der Geschichte nicht untergehen sollte: Es sind die beiden Positionen, von denen die Ausstellung lebt. Denn Kippenberger wird erst durch den Dialog mit Lassnig neu erfahrbar und auch mit ihm wird der Dialog neu eröffnet.

„Gute Kunst lädt zum Dialog zwischen unterschiedlichen Positionen“, erklärte Bischof Ivo Muser anlässlich der Ausstellungseröffnung der RAI Südtirol und scheint damit die Friedensmission zu unterstützen. Und auch Ragaglia stimmt mit ein: „Wir haben Frieden mit Kippenberger und mit Südtirol geschlossen, die Kunst hat triumphiert.“ Zehn Jahre hat’s gebraucht.