Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 27.03.2018


Porträt

Kunst kann die Welt verändern

Die Tirolerin Janine-Chantal Weger repräsentiert eine neue Generation von Kunstschaffenden. Das Porträt einer jungen Frau, die mit beeindruckender Entschlossenheit eigenständige künstlerische Wege beschreitet.

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© Thomas Boehm / TT



Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – Es knirscht bei jedem Schritt unter den Schuhen, wenn man sich durch den düsteren, aber faszinierenden Ausstellungsraum in der „Bäckerei“ bewegt, der eher an einen versunkenen Frachter erinnert. Gerade in dieser rauen Umgebung entfalten sich die Arbeiten der jungen Künstlerin Janine-Chantal Weger besonders gut. Sie hat vor Kurzem hier ihre Ausstellung ‚Pinsel(re)aktionen‘ eröffnet.

Ihr Hauptwerk nennt sich „Insellandschaft von oben“. Es strahlt mit ozeanischem Blau von der schmucklosen Wand. Mit dem gegenständlichen Titel lenkt die Künstlerin die Assoziationen des Betrachters. Intuitiv findet man sich auf einer karibischen Insel wieder.

Wegers Arbeiten kommunizieren, suchen wie ein menschliches Augenpaar den Blickkontakt mit einem Gegenüber. Nicht der Betrachter reagiert als Erstes auf das Kunstwerk, es scheint umgekehrt zu sein. Luzide Farben verwandeln sich in diesem Dialog beinah zu lebendigen Wesen, am ehesten mit einem Fischschwarm zu vergleichen, der in den Untiefen einer Meereslandschaft, einen noch nie gesehenen Taucher neugierig willkommen heißt.

Die 24-jährige Weger kommt aus Volders, hat die HTL für Grafik und Design in Innsbruck besucht. In den vergangenen vier Jahren studierte sie an der University for the Creative Arts in Canterbury (England). Dort beschäftigte sie sich zunächst mit der gegenständlichen Malerei, belegte Aktzeichenkurse, bevor sie sich der Fotografie und Malerei zuwandte.

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Weger begründet ihr Interesse für das Medium der Malerei damit, dass es sich um eine der ältesten künstlerischen Ausdrucksformen handelt, man denke nur an die Höhlenmalerei. Während ihres Studiums wäre im wissenschaftlichen Diskurs oft die Frage aufgeworfen worden, ob die Malerei überhaupt noch eine Existenzberechtigung habe, oder ob sie bald gänzlich von digitalen Medien abgelöst werden würde. „Für mich gibt es noch genügend Bereiche in der Malerei, die noch nicht entdeckt worden sind“, sagt Weger. Die Hinwendung zum Abstrakten entstand bei der jungen Künstlerin durch die Beschäftigung mit der Fotografie. „Ich halte dabei den Blick auf mein urbanes Lebensumfeld fest.“

Janine-Chantal Weger ist alles andere als eine Tagträumerin. Mit Entschiedenheit sagt sie: „Es war für mich immer schon klar, dass ich nichts anderes machen will als Kunst.“ Sie weiß auch, was dieser Schritt finanziell bedeutet. Ihre Familie unterstützt sie, aber Weger arbeitet auch selbst hart, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, etwa als selbstständige Grafikerin. Sie stellt klar: „Ich investiere mein ganzes Geld in künstlerische Projekte.“

Einzelne Werke hat sie verkauft. Hier wechselt Weger die Tonlage abrupt: „In meinen Arbeiten steckt viel Emotion und meine ganze schöpferische Kraft.“ Sie baut ihre Leinwände und Pinsel selbst. Es ist schwer, die Bilder beim Verkauf loszulassen. Trotzdem tut sie es, denn es ist Wegers Ziel, ganz von der Kunst leben zu können.

Demnächst wird sie in eine weitere Schau in London investieren. Zusammen mit anderen jungen Künstlern organisiert sie eine eigenständige Ausstellung unter dem Motto „Weltanschauung“ in der Copeland Gallery im Londoner Stadtviertel Peckham. Diese neue Generation will unabhängig sein, sie bezahlen ihre Miete selbst, zeigen ihre Werke ohne Galeristen. Nicht nur der Titel dieser Schau versteht sich als politisches Statement.Wegers nächste Station ist Tokio. Sie ist dort „Artist in Residence“. Eine große Chance für diese junge Künstlerin.