Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 30.06.2018


Kunst

Stein-Hauer über alle Grenzen

Ernst Schumacher arbeitet mit hartem Stoff – als Steinmetz und als Bildhauer, in Tirol, Modena oder Korea. Dafür wurde der Axamer jetzt zum sechsten Mal ausgezeichnet.

© Thomas Boehm / TT



Von Andrea Wieser

Axams – Wer den Ernst Schumacher (65) in seiner Werkstatt besucht, befindet sich in Birgitz im westlichen Mittelgebirge bei Innsbruck, eigentlich. Aber dann auch wieder zur Hälfte im Nebenort Axams. Direkt durch sein Gebäude führt die Grenze. Man kann sich also nie ganz sicher sein, wo man ist. Stören tut das den Steinmetz nicht, lachen kann er darüber schon.

Und nicht nur darüber. In diesem Jahr hat er nun schon zum vierten Mal den von der Bundesinnung der österreichischen Steinmetze ausgelobten „Natursteinpreis“ bekommen. Für eine Arbeit, die im Auftrag der Tiroler Künstlerin Patricia Karg entstanden ist, konnte er den ersten Preis in der Kategorie „Praxisbezogene Grabmäler im Kontext von Friedhöfen“ gewinnen. „Und noch dazu habe ich schon zweimal den Pilgram-Preis bekommen“, ergänzt Schumacher. Die Auszeichnung, die für Steinmetze mit besonderen architektonischen Leistungen vorgesehen ist, gilt als besondere Ehre.

Wer bei Schumacher durch die Werkstatt oder das Atelier – je nachdem, ob man den Handwerker sucht oder den Künstler – geht, der sucht eines vergebens, nämlich Dreck. „Hier schaut es schon immer so aus“, meint er nur gelassen und bläst einen winzigen Hauch Staub von einer Bären-Skulptur. Ein Blick in die Schubladen macht klar, hier räumt einer gerne auf. Fein säuberlich liegen hier Eisen an Eisen, wohl sortiert, zum Griff bereit. Schumacher macht eine Lade nach der anderen auf, zeigt und erklärt, hebt ein Zahneisen hoch, dann ein Flacheisen, legt alle säuberlich zurück. „Ich habe sicher um die 500 davon. Nach Werkzeug bin ich direkt süchtig. Davon kann ich nicht genug haben.“

„Nach Werkzeug 
bin ich direkt süchtig. Davon kann ich nicht genug haben", sagt Ernst Schumacher 
(Steinmetz, Axams).
- Thomas Boehm / TT

Die Entwicklung von Ernst Schumacher vom Steinmetz schließlich hin zu künstlerischen Arbeiten war ein langer Weg. 1968 trat er seine Lehre in Innsbruck an, um vier Jahre später die Meisterschule in Hallein zu besuchen. Zuerst arbeitete er mit seinem Vater zusammen, der ebenfalls schon Steinmetz war. 1998 baute er sich sein eigenes Atelier an besagter Dorfgrenze.

Beruflich ist Schumacher weit über seinen Heimatort hinausgekommen. Bis nach Südkorea, wo er an einem Tiroler Dorf für Ski-Touristen mitarbeitete, ist er gereist. Und etwas näher, aber in tiefer Erinnerung, ist ihm eine Arbeit in Modena: „Mit dem Dilitz Mario gemeinsam“, erinnert er sich gerne zurück. Der Axamer Künstler, der in der internationalen Kunstszene ein gefragter Bildhauer ist, realisierte mit Schumacher gemeinsam die Statue des heiligen Benedikt und eine Relief-Platte für die Kirche des San Benedetto in Modena. „Allein der Bischof war 2,70 Meter hoch und wog zweieinhalb Tonnen. Alles aus einem Stück Untersberger Marmor aus Salzburg gemacht“, erinnert sich Schumacher. Der über 350 Kilometer lange Transport Richtung Süden war ein echtes Abenteuer.

Dass es aber nicht immer riesig sein muss, beweist Schumacher mit filigranen Miniaturen. So fertigte er schon Mini-Bären aus Wachauer Marmor, seinem absoluten Lieblingsstein, an. Ebenso einen Fußball, auf dem sich Schmetterlinge niedergelassen haben, und einen spanischen Thonet-Stuhl aus Nero-Marquina-Marmor, der beim Polieren ein glänzendes Schwarz zum Vorschein bringt. Für den Sessel gab es übrigens 2005 einen Pilgram-Preis. Die großen Hände des Herrn Schumacher können also auch ganz Kleines erschaffen. Wie das gelingt? „Mei, dann fange ich halt so an“, sagt der Steinmetz, setzt ein Eisen an und schleift los. Millimeterarbeit sei das eben, wenn überhaupt.

Ganz genau muss es der Bildhauer jetzt auch bei einem Projekt nehmen, das in seinem Heimatort schon sehnlichst erwartet wird. Dem Axamer Bock, Wahrzeichen der dortigen Fasnacht, den er selbst aus Stein gehauen hat, sind bei einem Unfall seine Ohren abgeschlagen worden. Daraufhin wurden bei Ernst Schumacher nun neue für die Steintierfigur bestellt. Der Steinmetz fertigt sie derzeit gerade an. Ob sie nun im Birgitzer oder Axamer Teil der Werkstatt hergestellt werden, wird danach keiner so genau wissen, außer Ernst Schumacher selbst natürlich. Dem Axamer Bock wird das aber sowieso ziemlich egal sein.

Das Grabmal nach einem Entwurf von Patricia Karg wurde prämiert.
- Schumacher