Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 30.07.2018


Kunst

Tauchgänge in ungewisse Wirklichkeiten

Der Belgier David Claerbout stellt im Kunsthaus Bregenz die Frage nach den Grenzen der Wahrnehmung in digitalisierten Zeiten.

© markus tretterPanther Baghira schleicht nächtens über die Fassade des Bregenzer Kunsthauses.Foto: Markus Tretter



Von Edith Schlocker

Bregenz – Wenn es Nacht wird in Bregenz und das Kunsthaus schließt, werden dessen Fassaden zum Lebensraum für die Figuren aus dem „Dschungelbuch“. Bär Balu, Panther Baghira und Schlange Kaa kommen äußerlich zwar wie im Zeichentrickfilm-Klassiker daher, sie tanzen und singen allerdings nicht und retten auch keine kleinen Menschenkinder, sondern sie werden in ihrem artgerechten Verhalten gezeigt.

„Die reine Notwendigkeit“ heißt diese monumentale Videoinstallation des 49-jährigen Belgiers David Claerbout, der diesen Sommer das Bregenzer Kunsthaus mit seinen meist monumentalen Arbeiten bespielt. Die vom Betrachter viel Zeit einfordern, die Bereitschaft, sich auf die meist stillen, geheimnisvollen Bilder einzulassen oder die Videos, in denen die Zeit den Atem angehalten zu haben scheint. Mit Wirklichkeiten konfrontierend, in denen nicht immer klar ist, was real und was am Computer entstanden ist.

Etwa bei dem Video „Travel“, das in einer in das erste Geschoss hineingestellten Black Box läuft. Das – untermalt von stimmungsträchtiger Musik – immer tiefer in einen dichten Wald führt. Es wird immer dunkler, Bächlein plätschern stimmungsvoll vor sich hin, ein See liegt wie bleiern da, die Sonne bahnt sich zaghaft durch den Nebel ihre Strahlen. Romantik pur, könnte man meinen, wüsste man nicht, dass keines dieser Bilder wirklich gesehen, sondern alles computergeneriert ist.

Das genaue Gegenteil ist die Abfolge von Schwarz-Weiß-Bildern, die im Erdgeschoß über eine riesige Leinwand flimmern. Spielort ist ein Küstenort in der Bretagne bei Ebbe. Was die Menschen, die auf den Bildern zu sehen sind, verbindet, ist, dass sie alle offensichtlich auf Dasselbe hinschauen. Was das ist, bleibt lange im Ungewissen, bis klar wird, dass sie alle einen Buben beobachten, der mit seinen Händen so kraftvoll ins Wasser schlägt, dass dieses wie eine Krone um ihn aufspritzt.

Berührend ist David Claerbouts zweiteiliges Video „Breathing Bird“. Hier sitzen sich jeweils zwei Vögel gegenüber, getrennt durch eine Glasscheibe. Um den Atem, der sich auf dieser niederschlägt, wahrzunehmen, muss man ganz genau hinschauen. Verbunden mit der Erkenntnis der Unmöglichkeit des Überwindens von Grenzen.

Bei der audiovisuellen Installation „Radio Piece“ verschwimmen reale und mentale Räume komplett. Taucht die Frage auf, wie sehr wir uns auf unsere Wahrnehmung verlassen können in Zeiten, in denen der Geist immer mehr zur Immobilie kolonialisiert wird.

Ganz oben im Kunsthaus ist Claerbouts neueste Arbeit „Olympia“ zu sehen. Es zeigt die digitale Rekonstruktion des 1936 pompös eröffneten Berliner Olympiastadions. Dass seine Darstellung in Echtzeit auf 1000 Jahre berechnet ist, ist alles andere als zufällig.