Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 08.08.2018


Kunst

Unter vielen Schichten wartet der Urlaub vom Hirn

Zum Zehn-Jahr-Jubiläum der Galerie artdepot setzt Birgit Fraisl auf vermeintlich Monochromes, das zu einer Denk-Auszeit einlädt.

© artdepotSowohl Ronald Kodritsch (Bild) als auch Wonkun Jun nähern sich der Monochromie, um sie dann aber schnell wieder zu verwerfen.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Urlaub vom Gehirn. Auszeit vom Denken. Das propagiert Ronald Kodritsch bereits in einer seiner performativen Arbeiten. Geradezu ideal kann das Motto aber auch auf die gestern eröffnete Ausstellung mit Kodritsch und Wonkun Jun im artdepot in Innsbruck umgemünzt werden. Denn im Zentrum des Zehn-Jahr-Jubiläums der Galerie steht eindeutig das Sehen, nicht das Denken.

Sowohl Ronald Kodritsch (oben) als auch Wonkun Jun nähern sich der Monochromie, um sie dann aber schnell wieder zu verwerfen.Fotos: artdepot
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Ein Sehen, das sich nicht nur auf einen Gegenstand konzentriert; und doch sind die Arbeiten der beiden Künstler, dem Titel der Ausstellung entsprechend, nur „scheinbar monochrom“. Scheinbar, weil eben jene Monochromie sich auf den zweiten Blick auflöst, die Gegenständlichkeit aber ebenso nur noch gestreift wird.

Stilistisch mehr an der Abstraktion denn am klassischen Minimalismus orientiert ist der Südkoreaner Wonkun Jun. Bereits 2015 war der in Seoul geborene Künstler in der Gruppenausstellung „ununseptium“ im artdepot zu sehen, jetzt präsentiert er dort ausschließlich aktuelle Bilder. Werke, die sich der Abstraktion über eine besondere Technik nähern. In bis zu 50 dünnen Schichten Acrylfarbe entstehen Wonkun Juns zwischen Farbschleiern und elementaren Formen oszillierende Arbeiten. Die einzelnen Farblasuren werden vom Künstler aufgetragen und anschließend wieder abgewaschen. Es sind lediglich die Spuren des Arbeitsprozesses, die übrig bleiben. Streift der zweite Blick des Zuschauers die Kante von Wonkun Juns Bildern, wird dieser Prozess in seine einzelnen Stationen aufgedröselt. Interessant an seinem Konzept ist das Wegnehmen anstelle des Hinzufügens.

Etwas lockerer geht der Gegenpart des Südkoreaners, der steirische Künstler Ronald Kodritsch, das Thema der vermeintlichen Monochromie an. In großen Formaten widmet er sich, wie er selbst betont, der „Lüfterlmalerei“, großen Himmelsdarstellungen, die schon aufgrund ihrer gestischen Maltechnik nicht als monochrom bezeichnet werden können. Im Gegensatz zu Wonkun Jun abstrahiert Kodritsch nicht, sondern stört das Himmels­idyll mit Figürlichkeit. Ganz konkret fliegt ein Skispringer durch die nach ihm benannte Bilderserie. Ein konkretes Objekt, das seinem Landeplatz enthoben nun durch den unendlichen Raum schwimmt, gefangen im Moment. Das Störelement lässt einen gewissen Witz zu, Assoziationen zur Diskrepanz zwischen Mensch und Natur werden nebensächlich. Ebenso wie ein romantischer Aspekt, der über Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ anklingt. Am besten konzentriert sich der Besucher bei dieser sehr soliden Schau auf das Sehen, das Entdecken. Und lässt trotz der vielen Schichten an Farbe die oft nur aufgezwungenen Interpretationsebenen lieber hinter sich.




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