Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 13.08.2018


Osttirol

Die hohe Kunst des „Menschelns“

Katharina Zanon aus Leisach hat mit der Präsentation ihrer Masterarbeit an der Kunstuniversität in Linz für Aufsehen gesorgt. Bereits als Modedesignerin wählte sie eine außergewöhnliche Bildsprache.

© Peter UnterwegerKatharina Zanon stammt aus Leisach und hat mit einer Ausstellung in Linz ihr zweites Masterstudium an der Kunstuni abgeschlossen.Foto: Unterweger



Von Peter Unterweger

Leisach, Linz – Spektakuläre Aktionen bei Abschlusspräsentationen eines Studiums haben bei Katharina Zanon aus Leisach Tradition: Zum Finale ihrer Ausbildung zur Modedesignerin zeigte sie ihre Kreationen bei einer Modeschau in Wien. Ihre Modelle durften aber nicht mit modischen Schuhen leichtfüßig dahinstöckeln. Die Künstlerin stellte ihre Mannequins auf Sockel – mit Klötzen an den Füßen plagten sich die Damen über den Laufsteg. Beim Abschluss ihres Masterstudiums 2014 zeigte Zanon unter dem Titel „Manifestation der Erinnerung als Prozess“ eine große, liegende Skulptur aus Holz, welches sie aus dem Iseltal nach Linz gebracht hatte. Das Kunstwerk war aber nicht für eine Galerie oder einen Kunstsammler bestimmt. Um den Prozess des Verfalls zu dokumentieren, brachte sie die Holzteile in einen Wald nahe der oberösterreichischen Hauptstadt, um das Werk zu Walderde werden zu lassen.

Bei der Jahresausstellung 2015 in Linz provozierte sie gemeinsam mit einem Studienkollegen das Publikum: Mit einem Bett, in dem die beiden Künstler die Schlafenden mimten, versperrten sie den Zugang zur Kunsthalle. Gegen ihre Erwartungen, dass sie mit dem Bett weggeschoben würden, verschafften sich die Gäste den Zutritt zur Ausstellung, indem sie übers Bett sprangen oder sich über die beiden Aktionisten rollten.

Katharina Zanon wurde 1990 geboren und ist Tochter des verstorbenen Literaten Christoph Zanon und seiner Frau Olga. Zweimal hat sie in der Vergangenheit für je ein Jahr in China gelebt. Ihre künstlerische Arbeit nimmt starke Impulse aus der chinesischen Lebensweise, wie auch bei der Präsentation ihrer zweiten Masterarbeit an der Kunstuniversität in Linz (Studienrichtung Plastische Konzeption) im Juni dieses Jahres zu erleben war.

„that’s it & des woas“, schrieb die Osttiroler Künstlerin auf die Einladung zur „Graduate Exhibition“, der Hochschul-Abschluss-Ausstellung im Zentrum von Linz. Gemeinsam mit ihrem Studienkollegen David Wittinghofer zeigte sie ihre Abschlussarbeiten im „Raumschiff“ am Pfarrplatz. Die Arbeiten stellte Zanon unter den Titel „Menscheln“. „Es muss doch so etwas wie Freude, Schmerz, Genuss oder wenigstens himmelhohes Jauchzen auslösen“, meinte die Künstlerin.

Eine Installation in einem ersten Raum versetzte den Besucher beim Duft von Hummerchips in die Szenerie eines Chinarestaurants: Tische, mit weißen Tüchern gedeckt. Tischgäste waren laufende Videos auf Tabletbildschirmen. Die Aufnahmen dazu waren in einem Fitnessstudio in Guangzhou in Südchina entstanden, wo sich die Darstellerinnen an Sportgeräten betätigten. „Es war mir nicht wichtig, was die Personen tun, ich habe mich nur auf ihre Gesichter konzentriert“, beschreibt Zanon den Ablauf.

Vor jeden Bildschirm hat Zanon eine Schüssel mit Hummerchips gestellt. Durch dieses Arrangement entstand eine neue Szenerie: Die Grimassen, die durch eine sportliche Betätigung im Fitnessstudio ausgelöst worden waren, erschienen nun wie mimische Kommentare zur vorgesetzten Speise.

In einer zweiten Installation trat Zanon selbst als Pro­tagonistin in einem Video auf. Eine schmale, verdunkelte Kammer in einem Hinterhof stellte sich als idealer Ort für die Präsentation dar – zwei gleichzeitig laufende, übereinander platzierte Videos waren genau in den Raum gequetscht.

Diese Arbeit Zanons ist in Linz entstanden. Die „Essensgeschichten“ waren offensichtlich von chinesischen Essensritualen inspiriert. Die visuelle Umsetzung war nicht gerade appetitanregend. Mit Stäbchen wurden Nudeln auf verschiedenen Wegen über Katharina Zanons Gesicht manipuliert und verschwanden dann zeitweise in sich anbietenden Öffnungen.

Die Texte dazu in Englisch und Chinesisch und mit Osttiroler Dialekteinlagen gewürzt hatte Zanon in China verfasst. Sie schilderte dabei persönliche Befindlichkeiten beim Essen. Die Texte hat sie meist mit vollem Mund gesprochen. „Ich habe bei der Tonaufnahme zeitweise knuspriges Brot oder Karotten gekaut“, verrät die Künstlerin, wie sie die von ihr gewünschten Effekte erzielte.

Die Künstlerin sorgte während ihrer Zeit in China mehrmals für Aufmerksamkeit.