Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 04.10.2018


Innsbruck

Mit dem Staatsdildo ins Reich der Sinne

Explizit, aber nicht frivol: Das Innsbrucker Taxispalais widmet sich in seiner anregenden neuen Schau den Spielarten des Sexuellen.

© Günter KresserLicht, Sound und Text: In Sarah Decristoforos ?Pan-door-aaaah? werden unterschiedliche Sinne angeregt.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Rund zwei Jahre ist es her, dass das Wien Museum mit der Schau „Sex in Wien“ einen Publikumsrenner verzeichnete – natürlich auch, weil bei einem derartigen Titel nach wie vor eine Aura des Verbotenen mitschwingt; an der Altersfreigab­e ab 18 Jahren schieden sich die Geister. Letztlich entpuppte sich die Schau als weit weniger frivol als – je nachdem – erhofft oder befürchtet.

Eine allgemeine Altersfreigabe gibt es in der Ausstellung „Sex“ im Taxispalais nicht. Lediglich ein Raum darf erst ab 18 Jahren besucht werden. Auch deshalb, weil Kuratorin Nina Tabassomi nicht an einer thematischen Untersuchung aus allen Perspektiven interessiert ist, sondern schon bewusst auf Fragestellungen hinlenkt. Und damit mit der Frühjahrsschau „Lieben“ eine Trilogie weiterspinnt, die nach „Sex“ in „Lache­n“ kulminieren soll.

Aber zuerst zur aktuellen Schau, die heute Abend eröffnet wird: Diese wartet mit einer Vielzahl eigens für die Ausstellung angefertigter Werke auf. Berührungsängste gibt es dabei keine: Die assoziativ-spielerischen Werke von Elisabeth von Samsonow brechen gleich zu Beginn das Eis. Neben ihrer „Sexmaschine“: der „Staats­dildo“, eine phallisch geformt­e Apparatur aus Lindenholz, welche Energie an alle verteilt. Ganz in der Gegenwart verankert, ist damit natürlich das Aufladen des Handyakkus gemeint, das hier jeder Besucher vornehmen kann.

Um von dieser sehr technisch-kalten Auseinandersetzung zur Verknüpfung Sex und Gewalt zu kommen, braucht es nicht viel. Eindrücklich thematisiert wird dieser Aspekt von Transgender-Malerin Ashley Hans Scheirl; sowohl in ihren Zeichnungen, welche sich ambivalent zwischen aggressiven Motiven und fragiler Technik positionieren, als auch im sinnesbetäubenden Film „Frösche ficken flink“. Obschon dieser aufgrund seiner expliziten Motivik erst ab 18 Jahren freigegeben ist, wäre es vermessen zu denken, Frivolität oder Stimulation der Zuschauer stünd­e hier im Zentrum. Ähnlich wie bei Alex Martinis Roes­ Film (untere Halle), in dem es nicht um die Repräsentation des Sex-Akts, sondern um das Sprechen darüber geht: Handlungsanleitung inklusive.

Spannend, weil ungemein sinnlich ist die Installation „Pan-door-aaaah“. Für diese Schau erwählte Tabassomi Sarah Decristo­foro als Quoten-Tirolerin: ein Coup. Decristoforo spinnt drei in unterschiedlichen Kontexten sexualisierte Frauen­figuren (Hesiods „Pandora“, Sigmund Freuds „Dora“ und Vladimir Nabokovs „Lolita“) in eine neue Erzählung. Ein Hör­erlebnis auf unterschiedlichen Ebenen, die der Besucher erfahren kann – aber nicht muss. Kaum entziehen kann man sich Fabiana Faleiros „Mastur Bar“, eine Bar mitten im Ausstellungsraum, die in ihrem Wirrwarr an Inputs auf den bisher noch nicht befriedigten Berührungssinn abzielt. Anfassen ist bei Faleiros „Touchscreen-Kapitalismus“ ausdrücklich erlaubt.

„Sex“ ist eine Ausstellung, die vor allem wegen der Selbstverständlichkeit, mit der sich die Künstlerinnen mit dem Thema auseinandersetzen, den Nerv der Zeit trifft. Und sich dabei nicht auf die Auflösung patriarchaler Machtstrukturen versteift. Oder sich gar als Tabu­bruch versteht. Ein feministischer, queerer Blick liegt dieser Auseinandersetzung zugrunde, der auch im Alltag nicht durchdiskutiert ist; eine großangelegt­e Konferenz in Kooperation mit der Universität soll im Januar 2019 dieses Vakuum zumindest für Tirol aufbrechen.




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