Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 09.10.2018


Bezirk Imst

„Gebt Ötzi sein Fahrrad zurück“

Die neue Chefin der Ötztaler Museen, Edith Hessenberger, ist ein halbes Jahr im Amt. Sie nutzt jedes Vehikel, und sei es ein ausgeapertes Waffenrad, um die Geschichten des Tales zu erzählen.

© ParthEdith Hessenberger vor ihrer Wirkungsstätte im Heimatmuseum in Längenfeld.



Von Thomas Parth

Längenfeld, Oetz – Die Gründung der Ötztaler Museen Betriebs GmbH soll noch heuer über die Bühne gehen. „Die Gemeinderäte und alle weiteren dazu nötigen Gremien fassen gerade die entsprechenden Beschlüsse“, freut sich Edith Hessenberger, die seit einem halben Jahr die Leitung der Ötztaler Museen innehat. „An der Zuständigkeit der Trägervereine, in Oet­z der Turmmuseumsverein und in Längenfeld der Ötztaler Heimatmuseumsverein, hat sich nichts geändert. Ähnlich einem Pachtvertrag kommt der künftigen GmbH lediglich der Betrieb der Museen zu, was man heutzutage keinem ehrenamtlich geführten Verein zumuten kann“, hebt Hessenberger hervor. Da die Nutzungsverträge für klare Voraussetzungen sorgen und das Land sowie die Talgemeinden für den finanziellen Rahmen sorgen, sieht Hessenberger, dass alle Kräfte an einem Strang ziehen. „Nadja Parisi als wissenschaftliche Mitarbeiterin und ich als Leiterin sorgen für den Betrieb der Museen unter fachlichen Gesichtspunkten“, stellt Hessenberger klar. Die aus Salzburg stammende Kulturwissenschafterin und Humangeografin sieht diese Aufgabe als sehr spannend und konnte bereits punktuell einige Treffer landen.

Ende September fand eine gut besuchte Buchpräsentation „Wissen, Macht, Tracht“ statt. „Es geht uns nicht nur darum, bekanntes Wissen zu reproduzieren, sondern auch darum, dem Bildungsauftrag gerecht zu werden. Das Museum soll nicht ausschließlich als Kulisse für Hochzeitsfotos dienen. Wir bieten klar mehr“, so Hessenberger, die aus Telfs ins Ötztal einpendelt.

Die Humangeografin fasst den Museumsbegriff sehr weit.
- Parth

Für großes mediales Aufsehen heuer im Sommer sorgte ein ausgeapertes Fahrrad. „Mit dieser Meldung haben wir es bis in die ZIB2 geschafft“, freut sich Hessenberger. Nun könnte man fragen, was ein Museum mit einem gewöhnlichen zeitgeschichtlichen Relikt zu tun hat. „Wir sehen den Museumsbegriff wesentlich weiter als das Archivieren von Ansichtskarten. Wir wollen die Bevölkerung für ihr kulturelles Erbe sensibilisieren“, zeigt die Museumschefin klar auf. Ein 60, 70 Jahre altes Fahrrad, welches auf 3000 Metern ausapert, bietet etliche Anhaltspunkte, um die Geschichte im Grenzbereich zweier Länder zu beleuchten, auch wenn skurrile Meldungen wie „gebt Ötzi sein Rad zurück“ dabei sind. „Wir suchen Anknüpfungspunkte, an die man sonst kaum gedacht hätte: Gibt es Geschichten über Flüchtlinge nach den Kriegen, was steht in den Chroniken oder in privaten Familienarchiven? Mittlerweile habe ich mehrere Interviews mit einstigen Schmugglern geführt.“ Eine ähnlich offensive Vorgangsweise gilt für die Ausstellungen, die man nicht rein auf die Museen in Längenfeld und Oetz begrenzen möchte. Dem Auftrag „forschen, sammeln und vermitteln“ werde man u. a. durch die Erstellung eines Sammlungskonzeptes sowie durch die Öffnung des Gedächtnisspeichers nachkommen.

Die nächste Gelegenheit für „freitags im Museum“ bietet sich diesen Freitag ab 19 Uhr im Turmmuseum Oetz, wenn die Expertin Veronika Berti zum österreichischen Expressionismus spricht.