Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 14.10.2018


Kunst

Der Fall Banksy: Aus der Zerstörung erwachsen

Kritischer Aktionismus oder PR-Gag? Der Fall Banksy scheidet die Geister. Der Versuch einer Annäherung.

© STANSALL / AFPTrotz Schreddern nichts für die Tonne: „Love is in the Bin“ ist ein komplett neues Werk Banksys, verkündete Sotheby’s und zeigt es aktuell in den Hallen des Auktionshauses in London.Foto: AFP/Stansall



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – „Banksy zerstörte kein Kunstwerk bei der Auktion, er schaffte eines“, sagte Alex Branczik vom Auktionshaus Sotheby’s am Donnerstag. Denn: Geschreddert oder nicht, „Girl with ballon“, ein Werk von Streetart-Künstler Banksy, das sich vergangene Woche bei einer Auktion plötzlich selbst in Streifen schnitt, fand als Aktion nicht nur großen medialen Widerhall, sondern bleibt weiterhin 1,2 Millionen Euro schwer.

Die ursprüngliche Käuferin will das Werk nämlich trotz halbaufgelöster Substanz für den ersteigerten Preis erwerben. „Wir freuen uns, den Kauf zu bestätigen“, hallte es aus dem prestigeträchtigen Auktionshaus. Mit der Verkündigung, dass „Love is in the Bin“, so wird das halbzerstörte Werk Banksys jetzt genannt, ein komplett neues Werk sei – das erste Werk, das direkt bei einer Auktion entstanden sei. Ganz schön dreist, sichert sich Sotheby’s nicht nur den Verkauf, sondern adelt sich nebenbei zur neuen Produktionsstätte des Streetart-Künstlers. Und gleichzeitig auch zur Präsentationsstätte, wird das „neue“ Werk doch seit gestern in den heiligen Hallen nochmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Was Banksy erreicht hat, ist eine Diskussion über ihn selbst: Aber hatte er nun den brutalen Kunstmarkt genial vorgeführt oder etabliert sich der Künstler als genialer Mitläufer im System? Oder hatte die Aktion eine Eigendynamik entwickelt?

Für ein abgekartetes Spiel spricht einiges: Erstens werden Werke, die in Auktionshäuser eingeliefert werden, grundsätzlich auf ihre Qualität untersucht. Besonders in dieser Preisklasse. Ein eingebauter Schredder müsste geschultem Personal schon aufgrund des Gewichtes aufgefallen sein. Zweitens wurde das Werk als letztes Los präsentiert und hing an der Wand, anstatt auf einer Staffelei präsentiert zu werden. Auch die Reaktionen sind filmreif: Als „unerwartet“ bezeichnete das Auktionshaus die Banksy-Aktion, der Künstler selbst legte online nach. Auf Instagram verwendete er das Picasso-Zitat „Der Drang zu zerstören, ist auch kreativer Drang“.

Doch die Zerstörung des Kunstwerks ist keine Erfindung Banksys, sondern integraler Bestandteil der Kunstgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts: 1953 machte Robert Rauschenberg das Kunstwerk des Kollegen Willem de Kooning zu einem eigenen (betitelt mit „Erased de Kooning Drawing“), indem er es zerstörte. Mit einem Radiergummi. Und warf dabei den Authentizitätsbegriff endgültig über den Haufen.

Alles in allem ist die Aktion nur halb gelungen oder zur Show verkommen: Wenn er den unerschütterlichen Kunstmarkt narren wollte, dann hat er es nur kurz geschafft. Denn der Kunstmarkt macht seine eigenen Regeln. Und erkannte in der Zerstörung ein neues (vor allem monetäres) Potenzial. Ob in Fetzen oder nicht. Ob gewollt oder nicht. Ein Banksy bleibt ein Banksy.