Letztes Update am Mo, 22.10.2018 07:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tiroler Landespreis für Kunst

Hellmut Bruch: „Es gibt keinen Kopf ohne Bauch“

Den mit 14.000 Euro dotierten Tiroler Landespreis für Kunst erhält heute der Haller Bildhauer Hellmut Bruch. Der 82-jährige Minimalist ist Autodidakt und international gefragt.

Hellmut Bruch: Der Mann in Weiß, der Farben, klare Ordnungen und offene Formen mag.

© TT/Julia HammerleHellmut Bruch: Der Mann in Weiß, der Farben, klare Ordnungen und offene Formen mag.



Hätten Sie sich jemals träumen lassen, einmal den Tiroler Landespreis für Kunst zu bekommen?

Hellmut Bruch: Nein, an so etwas habe ich nie gedacht. Es ist wahrscheinlich eine Alterserscheinung (lacht). Aber ich freue mich über so eine große Ehre sehr. Auch, dass meine Arbeit als Quereinsteiger so hoch geschätzt wird.

Sie sind ja Autodidakt, haben Ihre Karriere als Künstler sozusagen erst nach einem „normalen“ Berufsleben gestartet. Gibt es da ein Schlüsselerlebnis?

Bruch: Ich hatte das Glück, im Haus meines Großvaters, des Haller Fotografen August Riepenhausen, aufzuwachsen, in dem Kunst eine Selbstverständlichkeit war. Das hat mich geprägt, war für mich ein Geschenk des Himmels.

Aber auf die Idee, die Kunst zu Ihrem Beruf zu machen, sind Sie nicht gekommen.

Bruch: Nein, obwohl ich bereits mit fünf Jahren gewusst habe, dass ich einmal Bildhauer werde. Später haben mich dann allerdings Autos mehr interessiert, weshalb ich Automechaniker geworden bin. Aber schon als Lehrling war es für mich ganz selbstverständlich, sämtliche Ausstellungen im Umkreis zu besuchen.

Wann hat das mit dem Selbst-Kunst-Machen angefangen?

Bruch: Mein Schlüsselerlebnis war die große Donald-Judd-Ausstellung 1970 in der Galerie im Taxispalais. Sein Minimalismus hat mich fasziniert, seine Fähigkeit, mit ganz wenig das Wesentliche auszudrücken. In der Folge sind erste kleine Arbeiten entstanden, meist Collagen und Fotografien. Bis ich meinen eigenen Weg gefunden habe, sind aber noch sehr viele Jahre vergangen.

Gibt es da Menschen, die für Ihre Entwicklung besonders wichtig waren?

Bruch: Da gibt es mehrere, der wichtigste war für mich aber eindeutig der Tiroler Großmeister des Konkreten, Heinz Gappmayr. Ohne ihn wäre der Bruch nicht der Bruch geworden. Er war mein Lehrer, ich kann behaupten, dass er mir die Akademie ersetzt hat. Gappmayr hat mich aber auch immer in meinem Weg radikaler formaler Reduktion bestärkt. Er hat mir das Tor zur Kunst geöffnet, Josef Lackner dagegen das zur Architektur und Christian Bartenbach jenes zum Licht. Drei Säulen, die wesentlich für meine Art Kunst zu denken, sind.

Um inzwischen längst ein wesentlicher, längst überregional angesehener Vertreter einer minimalistischen Spielart der Kunst zu sein.

Bruch: Ich bin da halt hineingerutscht. Aber ja, ich bin inzwischen viel gefragt, bin oft in Polen, in Deutschland und der Schweiz unterwegs. Im Moment hab ich gerade eine Ausstellung in Graz und auf Ibiza, letzten Samstag wurde eine in Zürich eröffnet. Ich bin so glücklich darüber, was man in einem Leben alles machen kann. Die Zeit wird mir immer zu kurz. Aber das alles wäre nicht möglich gewesen, hätte ich nicht eine so großzügige und kunstsinnige Frau gehabt.

Was Sie interessiert, ist nicht das Abbilden von Realem, sondern das Spiel mit Strukturen, mit Ordnungen, mathematischen und physikalischen Gesetzmäßigkeiten. Was ist dabei so spannend?

Bruch: Mir geht es darum, am Bild des Menschen zu arbeiten. Deshalb die offene Form, um klar denken zu können. Ich habe mich viel mit der Evolutionstheorie beschäftigt, mit den Fragen, woher kommen, wohin gehen wir. Meine Kunst kommt nicht primär von der Ästhetik her, sondern der Philosophie. Um die Natur zu begreifen, verstehen kann man sie ja ohnehin nicht. Letztlich kann man nur staunen und sich wundern.

Das Licht spielt auch eine wichtige Rolle in ihrer Kunst, der Zufall dagegen keine.

Bruch: Das Licht als offenes Medium passt ideal zu meinen offenen, Optimismus suggerierenden Formen. Aber eine gewisse Kopflastigkeit kann man meiner Kunst sicher nicht absprechen. Aber es gibt keinen Kopf ohne Bauch und keinen Bauch ohne Kopf.

Glauben Sie, dass Sie damit die Menschen erreichen, im besten Fall berühren?

Bruch: Wahrscheinlich nur fallweise. Meine Kunst ist sicher eine, die man nicht wirklich versteht, aber spürt.

Sie arbeiten zwei- wie dreidimensional, es gibt große und ganz kleine Arbeiten in Acrylglas, Edelstahl oder auf Papier gedruckt.

Bruch: Ich hab weder vor dem ganz Kleinen noch dem Monumentalen Angst. Meine kleinste Arbeit ist ein von mir gestaltetes Zifferblatt, meine größte eine 6000 Quadratmeter große Progression.

Obwohl Ihre Formen sehr einfach sind, fällt Ihnen immer wieder etwas Neues ein.

Bruch: Ja, es erschließen sich mir ständig neue Möglichkeiten. Im Tun tun sich mir ganze Welten auf.

Obwohl in Ihrer Kunst die Farbe eine wichtige Rolle spielt, tragen Sie seit rund 40 Jahren nur Weiß. Sicher auch, wenn Sie heute den Tiroler Landespreis für Kunst abholen.

Bruch: Natürlich. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: In Weiß geht man wie auf Wolken.

Das Interview führte Edith Schlocker