Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.11.2018


Museen

Haus der Geschichte Österreich: Neue Bewohner am Heldenplatz

Eine schwere Geburt: Mit dem „Haus der Geschichte Österreich“ öffnet am Wochenende das erste Zeitgeschichte-Museum Österreichs seine Pforten.

© APAPrunkstück der Sammlung und Symbol des Beginns der Auseinandersetzung mit Österreichs NS-Vergangenheit: das 1986 nach einer Skizze von Alfred Hrdlicka gebaute „Waldheimpferd“.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Man vermutet sie hinter Objekten, unter Vitrinen oder in den Ecken der Verweilstationen: jene Schweißtücher, die das Team wohl benötigt hat, um in der fast fahrlässig kurzen Zeit von 450 Tagen, gerechnet ab dem Arbeitsantritt der Direktorin Monika Sommer im Februar 2017, ein Museum mit repräsentativer Eröffnungsausstellung aus dem Boden zu stampfen.

Ein erster Einblick in das „Haus der Geschichte Österreich“, der Journalisten gestern gewährt wurde, zeigt, dass ein derartiges Unterfangen gelingen kann. Das jahrzehntelange parteipolitisch befeuerte Gezerre ist bekannt, das Vorpreschen Niederösterreichs mit dem vom ehemaligen Landeshauptmann Erwin Pröll initiierten „Haus der Geschichte“ in St. Pölten, eröffnet im September 2017, ist nur ein Akt dieser Tragikomödie rund um österreichisches Geschichtsbewusstsein und dessen Darstellung. Fraglich ist, ob die Eröffnung des „Hauses der Geschichte Österreich“ in der Neuen Burg am Heldenplatz, die am Samstag mit einem Fest gefeiert wird, deren letzten Akt darstellt.

Weder der Name des vorab liebevoll mit „hdgö“ abgekürzte Museums-Babys – Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) plädiert für den Arbeitstitel „Haus der Republik“ – noch die Standortfrage sind garantiert.

Die institutionelle Ablösung von der Nationalbibliothek scheint sinnvoll, wie sehr die von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka verkündete Anbindung an das Parlament wissenschaftliche wie auch finanzielle Unabhängigkeit gewährleistet, wird die Zukunft weisen.

„Aufbruch ins Ungewisse“: Man ist versucht, den Titel der ersten Ausstellung dieses auf den Barockwölkchen heimischer Unverbindlichkeit schwebenden Museums auch ironisch zu lesen. Was nimmt der Besucher mit von 100 Jahren österreichischer Geschichte, die entlang von nur 60 Metern in drei Räumen, gleichsam auf Zimmer, Küche, Kabinett präsentiert werden? „Die Ausstellung ist der Schuhlöffel, Geschichte zugänglich zu machen und vor allem dazu, Geschichte zu verstehen“, meint der Historiker Stefan Benedik, einer der Kuratoren, und betont, es gebe nicht nur „einen Blick auf die Vergangenheit“.

Mitmachstationen wie Fotografien aus den 1930er-Jahren, die der Zuseher selbst auswählen und aufhängen kann, sind zugleich Nachdenkorte. Sieben Themeninseln reflektieren facettenreich und mit klugen Querverweisen die Geschichte der Ersten Republik, die Diktatur des Ständestaates und die NS-Herrschaft, „Wunder Wirtschaft“, Fragen nach „Grenzen“ oder jene nach „gleichen Rechten“. Prunkstück und als Symbol des Beginns der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ein bedeutendes Artefakt ist das „Waldheim­pferd“. Fahne, Wappen und Skisport, Qualtingers „Herr Karl“ und Conchita, Klimt-Vermarktung und „Córdoba“, der österreichische Fußball­triumph über Deutschland bei der WM 1978 skizzieren die kulturelle Notwendigkeit wie Ambivalenz von „Heimat“. Ob man bei Objekten wie der Erinnerungsschatulle, in der eine Mutter die Andenken an ihren im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn bewahrt hat, verweilt, sich über verschiedene Verballhornungen des Wappenadlers amüsiert oder sich am Kaffeehaustischchen von Hugo Portisch den Prager Frühling erklären lässt: Zeit und mehrmaliger Besuch ist anzuraten – und das Jahresticket ist mit 15 Euro eine Empfehlung.