Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 10.11.2018


Innsbruck

Innsbrucker Premierentage: Jeder macht sein eigenes Ding

Die 20. Premierentage sollten eigentlich Lust auf zeitgenössische Kunst machen. Ein Nachdenken über die Nr. 21 wäre dringend notwendig.

© Thomas Boehm / TTMit einer Schau der Kunstankäufe der Stadt Innsbruck, u. a. dieser Boden­arbeit von Hannes Zebedin, wird die Plattform 6020 eröffnet.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Einige der Ausstellungen, die im Rahmen der derzeit laufenden Premierentage eröffnet werden, würden diese nicht brauchen, während man andere bei einer wirklich spannenden Veranstaltung dieser Art nicht brauchen könnte. Das Problem ist: Jeder macht sein Ding, unabhängig von klaren künstlerischen Kriterien. Wobei es offenbar nicht einmal möglich ist, dass sich die an den Premiertagen Beteiligten an diesen drei Tagen auf gemeinsame Öffnungszeiten einigen und diese auch einhalten. Um ein Wandern von Station zu Station möglich zu machen, ohne in dunklen Räumen oder vor verschlossenen Türen zu landen.

Schade ist auch, dass keine der großen öffentlichen Institutionen eine Premiere auf einen dieser drei Tage gelegt hat. Die Ausnahme macht diesbezüglich die an die neue Stadtbücherei angedockte städtische Fördergalerie, die sich von der höhligen Andechsgalerie zur luftigen, durch ein riesiges Schaufenster zur Straße hin offenen Plattform 6020 gemausert hat. Die Größe von ca. 100 Quadratmetern ist gleich geblieben, ihre Bespielung ist durch variable weiße Schiebewände sehr flexibel.

„Eingeweiht“ wird die Plattform 6020 mit jenen Arbeiten, die die Stadt im vergangenen Jahr auf Vorschlag von Thomas Feuerstein und Jürgen Tabor angekauft hat. 70.000 Euro hat die Stadt für die Kunstwerke unterschiedlichster Art lockergemacht, die später in diversen öffentlichen Räumen wieder auftauchen werden.

Prantauer thematisiert im Waltherpark den öffentlichen Raum.
- premierentage

Einer, der die Premierentage absolut nicht brauchen würde, ist Peter Kogler, der die Besucher der Galerie Widauer in einem roten Netz fängt. Ein – zur Tapete gewordenes – Netz, dessen Maschen einmal weiter, einmal dichter sind, sich schmiegend an die galeristischen Wände, deren Ecken sich auf diese Weise fabelhaft auflösen. Ins Netz gegangen sind zwei große Symbole: eine zeigende Hand sowie ein Astronaut, anspielend auf die Mondlandung vor 50 Jahren, ein für den kleinen Peter Kogler nachhaltiges Ereignis.

Erfrischend wie immer sind die Fotografien des manischen Stadt-Flaneurs Paul Albert Leitner. In der Galerie Rhomberg zeigt er diesmal – mit einer Ausnahme – keine seiner unkonventionellen Selbstporträts, sondern seine sehr speziellen Blicke auf Architekturen oder Objekte des täglichen Gebrauchs. Das kann ein Teppichklopfer, ein auf den Kopf gestellter Schirmständer oder alter Sessel genauso wie die Fassade der Berliner Philharmonie oder der Londoner Tate Modern sein.

Sex sells, denkt sich offenbar Birgit Fraisl, die in ihrem artdepot die schrill roten Plakate und Objekte von ONA B. zeigt. Die sich vordergründig sehr politisch geben, wenn etwa Plakate türkischer Softpornos aus den 1980er-Jahren mit Zitaten aus Wagner-Opern übermalt sind. Umstellt von – roten – Objekten, etwa einem riesig aufgeblasenen Lippenstift, deren Symbolik eine plump eindeutige ist.

Sehr soft geht es dagegen in der Galerie 22A zu, wo Quit Buchholz seine hyperrealistischen, surreal angehauchten Zeichnungen und Druckgrafiken aufgehängt hat. In denen etwa ein Löwe einen gemütlichen Strandspaziergang macht oder Menschlein zwischen Buchseiten schlüpfen. Wesentlich direkter zur Sache geht es in den unzähligen kleinen, mit viel Humor gezeichneten und teilweise schriftlich kommentierten Zeichnungen, mit denen Günter Lierschof den Kunstgang der Theologischen Fakultät tapeziert hat. Mit einem sehr speziellen Reisebericht, der mit der kleinen oberitalienischen Stadt Domodossola, letztlich aber mit ihm selbst zu tun hat.

Kogler vernetzt die Galerie Widauer spektakulär.
- galerie widauer

„Widerwillig“ nennt Philipp Haselwanter seinen Auftritt im Openspace.Innsbruck. Gepuzzelt aus Fragmenten, die laut ihrem Macher „wie ein unterbrochenes Telefongespräch“ daherkommen und vom Betrachter fertig gedacht werden müssen. Christine S. Prantauer verwendet eine Fassade des Pavillons im Waltherpark als Projektionsfläche für ihr Plakat „Not just for trees“, um auf kunstvolle Weise vielleicht eine Diskussion um den öffentlichen Raum anzuzetteln. Ein Thema, das auch in den in der Galerie KMO gezeigten Fotografien von Giovanni Hänninen und Antonio Ottomanelli entfernt anklingt.

Der WEI SRAUM nimmt das 20-Jahr-Jubiläum der Premierentage zum Anlass, sozusagen im Familienalbum zu blättern, um die von den unterschiedlichsten Künstlern gestalteten Plakate und Drucksorten zu präsentierten. Vier davon sind Micha Wille, Patrick Bonato, Matthias Krinzinger und Sebastian Koeck, die sich in der Galerie A4 zu einer gemeinsamen Ausstellung „zusammengerauft“ haben.

Von einem Format wie den Premierentagen erwarten würde man sich allerdings Veranstaltungen wie die von Kata Hinterlechner und Bosko Gastager in der (Kultur-)Bäckerei. „Im Rausch des Untergangs“ heißt ihre von Ilja Kabakow inspirierte „totale Installation bewegter Bilder“. Aufgehängt an der Idee der Apokalypse, deren Relikte das freitägliche Spektakel „überlebt“ haben.

Die Sujets, u. a. von Bonato aus 2012, von 20 Jahre Premierentage im WEI SRAUM.
- premierentage



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