Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 14.12.2018


Tirol

Tiroler Landesmuseum: Die Kunst in braunen Zeiten

Mit ihrer Ausstellung „Zwischen Ideologie, Anpassung und Verfolgung“ taucht das Tiroler Landesmuseum tief in das dunkle Kapitel der Kunst während der NS-Zeit ein.

Hing in der Gaukunstausstellung von 1942 im Ferdinandeum: Max Weilers „Osttiroler Bauernfamilie“.

© Klaus dapraHing in der Gaukunstausstellung von 1942 im Ferdinandeum: Max Weilers „Osttiroler Bauernfamilie“.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Das 1941 von Max Weiler gemalte monumentale Bild einer „Osttiroler Bauernfamilie“ ziert das Cover des Katalogs der mit rund 150 Arbeiten bestückten, von Günther Dankl­ mit großer Sorgfalt kuratierten Schau. In die Zeit des Nationalsozialismus entführend, die eine für Kunst und Künstler ebenso verführerische wie schwierige war. Da gab es solche, die überzeugte Nationalsozialisten der ersten Stunde waren, viele andere wiederum bedienten als wendehälsige Mitläufer das ideologisch gefragte Menschenbild, einige wenige schrammten mit ihrer Kunst gefährlich nah am Entartet-Gelten vorbei bzw. waren als Entartete mit Mal- und Ausstellungsverbot belegt.

Den Bogen, den die museale Schau zu schlagen hat, um dem vielschichtigen Thema gerecht zu werden, ist riesig. Die von columbosnext geschickt ausstellungsarchitektonisch inszenierte Schau spielt geschickt mit einem in die Tiefe gestapelten formalen Raster, der suggeriert, dass ein Großteil des nun Gezeigten sehr lange verschwiegen worden ist. Wobei es in der in sechs Kapitel gegliederten Schau absolut nicht um die Zuweisung von Schuld gehe, sondern um das Aufzeigen von Strukturen und Mechanismen, die dazu führten, Kunst gezielt als Instrument ideologischer Propaganda missbrauchen zu können, so Günther Dankl.

Um gleich in Teil eins in das „Betriebssystem Kunst“ während der Zeit des Nationalsozialismus einzutauchen. Das Ambiente, in dem das geschieht, ist dunkel genauso wie die Kunst. Von Hubert Lanzinger und Ernst Nepo gemalten Hitlerbildern begegnet man hier bzw. vor Pathos triefendem Schinken – Bildern in denen arisches Blut und deutscher Boden beschworen werden. Auch von Max Weiler, der sich 15 Jahre, nachdem er seine heile „Osttiroler Bauernfamilie“ gemalt hat, sich mit einer formal aufgelösten Übermalung dieses Genres von dieser Verwirrung sozusagen reinzuwaschen versuchte.

Im nächsten Kapitel wird in den künstlerisch unterschiedlichsten Techniken und Qualitäten die Propagandamaschine für den Krieg bildmächtig angekurbelt. Zweifelhaftes Heldentum und soldatische Kameradschaft mutieren hier zur Idylle, gipfelnd in dem 1939 von Alfons Graber gemalten „Kindern mit Kriegsspielzeug“. Offizielle Kriegsmaler, die sich gern der Manier eines Franz Defregger bedienten, waren da publikumswirksam am Werk, aber auch an die Front abkommandierte Künstler, die ihre Kameraden porträtierten oder sich, um sich dem Grauen mental zu entziehen, in landschaftliche Idyllen flüchteten.

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Angesprochen wird aber auch die existenziell schwierige Situation der Tiroler Künstler in der Zeit des Nationalsozialismus. Wurden nach dem Anschluss Österreichs doch sämtliche bestehende Künstlervereinigungen aufgelöst, eingegliedert in die Reichskunstkammer als einzige Berufsvertretung. In der nur Mitglieder akzeptiert wurden, die arisch und politisch zuverlässig waren und deren Kunst den nationalsozialistischen Vorstellungen entsprach. Streng kontrolliert von dem im neu erbauten Gauhaus – dem heutigen Landhaus – sitzenden Gauleiter Hofer und seinem willigen Werkzeug Max von Esterle, der auch die zwischen 1940 und 1944 jährlich ausgerichteten Gaukunstaustellungen mit ideologisch geschmeidiger Kunst kuratiert hat. Eine Ahnung davon, wie das ausgeschaut hat, wird im Museum in einer kleinen Schau in der Schau nachgestellt.

In der aber auch das dunkle Kapitel Raubkunst nicht ausgespart wird. Repräsentiert durch Listen von Kunstwerken, die jüdischen Sammlern weggenommen und den öffentlichen Museen zur freien Auswahl angeboten wurden. Im Tiroler Landesmuseum gelandet ist damals aber auch die inzwischen restituierte Sammlung Reitlinger genauso wie die Sammlung Fohn, die wiederum im Tausch von hochkarätiger entarteter gegen unverdächtige Kunst aus dem 19. Jahrhundert entstanden ist.

Am Ende des erfreulicherweise mit zeitgenössischen künstlerischen Kommentaren zu dieser dunklen Zeit aufgelockerten Parcours landet der Besucher im KZ. Bei dem von Harald Pickert in Dachau und Mauthausen entstandenen Zyklus von Zeichnungen von Figuren, die so gar nicht dem prallen nationalsozialistischen Menschenbild entsprechen.