Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 28.12.2018


Innsbruck-Land

Gemeindemuseum Absam: Als selbst das Rodeln ein Politikum war

Das Gemeindemuseum Absam gibt bei einem literarischen Silvester-Hörabend Einblick in die Anfänge der Republik – und das damalige Frauenbild in Tirol.

Soziale Beziehungen zwischen italienischen Soldaten und Tiroler Frauen sorgten in Nordtirol nach dem Ersten Weltkrieg für Empörung. Das betraf sogar gemeinsame Rodelpartien, etwa im Halltal.

© Gemeindemuseum AbsamSoziale Beziehungen zwischen italienischen Soldaten und Tiroler Frauen sorgten in Nordtirol nach dem Ersten Weltkrieg für Empörung. Das betraf sogar gemeinsame Rodelpartien, etwa im Halltal.



Absam – Wer den Silvesterabend statt mit Raketen und Knallern lieber mit ungewöhnlichen Einblicken in die österreichische Geschichte verbringen möchte, hat im Gemeindemuseum Absam Gelegenheit dazu: Dort wartet am 31. Dezember, stündlich von 18 bis 21 Uhr, ein Hör-abend unter dem Motto „Der unsterbliche Österreicher“: Im Zentrum stehen Texte des Wiener Schriftstellers und Journalisten Anton Kuh (1890–1941), u. a. gelesen von Helmut Qualtinger. Kuh hatte die Anfänge der Republik (Deutsch-)Österreich, die politischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen ab dem 12. November 1918, von Anfang an kritisch reflektiert.

Zu hören ist z. B. die bekannte „Neujahrsrede eines Besoffenen“ – aber auch ein Text von Kuh aus dem März 1919, der sich direkt auf Ereignisse in Tirol bezieht: Kontext war die militärische Besetzung Tirols durch die Italiener nach dem Ersten Weltkrieg – die in Nordtirol bis Ende 1920 dauerte. Da direkte Kritik an den Besatzungstruppen schwierig war, hätten sich konservative Kreise damals ein anderes „Ventil“ gesucht, meint Museumsleiter Matthias Breit: In den Fokus rückten besonders soziale Beziehungen zwischen den italienischen Soldaten und Tiroler Frauen – wobei Zorn und Abscheu in erster Linie die Frauen trafen.

Selbst so harmlose Aktivitäten wie gemeinsame Rodelpartien wurden zum Politikum erhoben. „Auf der berühmten Rodelstrecke im Halltal kann man jeden Sonntag – auch wochentags – ganze Scharen von Italienern – Mannschaften und Offiziere – beobachten, die mit ihren braven Tiroler Mädels am Arm, die Rodel hinter sich, die Straße hinaufziehen und, enge aneinandergeschmiegt, dann heruntersausen“, schrieb etwa der Allgemeine Tiroler Anzeiger am 4. Februar 1919 missbilligend. Drastisch formulierte einen Tag später der Tiroler Volksbote: „Wie überall, wo Italiener sind, so natürlich kann man es auch hier gar nicht selten sehen, daß unsere ‚Haller Mädln‘ schon im trauten Verkehr mit den feindlichen Soldaten sind und mit ihnen fleißig Rodelpartien machen. Ob Russ, ob Tschech, ob Welscher – das ist unseren Gänsen gleich. Das Beste wäre, wenn solche Leute auch mit den Italienern gegen Süden abziehen würden.“

In Innsbruck bildete sich gar ein Bürgerkomitee (der „Bund der Dreißig“), das darauf abzielte, „national gesinnungslose“ Frauen und Mädchen, die mit italienischen Soldaten angetroffen wurden, zu „züchtigen“. Auf genau diese moralisierenden, aggressiven Tendenzen reagierte Kuh damals in einem hellsichtigen Text – zu hören am Silvesterabend im Absamer Museum. (md)




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