Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 03.01.2019


Ausstellung

Wunderkammer mit Erdung

„Die Rückseite der Landschaft“ heißt Lois Weinbergers groß angelegte Rückschau auf mehr als 40 Schaffensjahre in der Wiener Galerie Krinzinger.

"Die Erde halten" nennt der in Wien lebende Tiroler Künstler Lois Weinberger diese 2010 als C-Print entstandene Arbeit.

© Paris tsitsos"Die Erde halten" nennt der in Wien lebende Tiroler Künstler Lois Weinberger diese 2010 als C-Print entstandene Arbeit.



Von Edith Schlocker

Wien – Der Kunstkosmos, den sich Lois Weinberger in mehr als 40 Jahren erfunden hat, ist sehr speziell. Hat viel mit Natur zu tun, allerdings nicht mit deren romantischer Betrachtung, sondern mit archaisch Erdigem, aus dem letztlich alles gemacht ist. Von dem, wie der Bibelkundige weiß, wir alle kommen und wohin wir letztlich alle gehen. Weinbergers unsentimentaler Blick auf die Natur hat wahrscheinlich mit seinen bäuerlichen Wurzeln im Tiroler Oberland zu tun, nach denen sich der längst in Wien lebende, international gefragte Konzeptkünstler auch als 71-Jähriger noch immer sehnt.

Diese heimatlichen Erden haben sich mit den Jahren allerdings mit solchen aus diversen Weltgegenden vermischt, wie die wunderbare Personale zeigt, die Ursula Krinzinger Lois Weinberger in ihrer Wiener Galerie ausgerichtet hat. 35 Jahre nach seiner ersten Ausstellung an diesem wichtigen Ort der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst. Bestückt mit ganz neuen Arbeiten und solchen aus der Frühzeit des einzelgängerischen, spekulativen Moden jeder Art sich lebenslang entziehenden Autodidakten.

„Die Rückseite der Landschaft“ ist der programmatische Titel dieser facettenreichen Rückschau auf Weinbergers Lebenswerk, die neugierig auf das macht, was noch kommen wird. Wird der kunstvolle Erforscher der Welt und ihrer Bewohner formal doch immer differenzierter und gleichzeitig radikaler in der Verknappung der Metaphern und Materialien auf Basales. Mit einer Poesie jonglierend, die die Idylle, die landläufig der Natur untergeschoben wird, schonungslos entlarvt.

Versteht Lois Weinberger seine Rolle als Künstler doch nicht als Behübscher einer am Abgrund stehenden Welt, sondern als deren feinfühliger Seismograph. Wobei die Zonen seiner feinnervigen Recherchen nicht zufällig dort liegen, wo die Zivilisation ausfranst. Gelingt es hier doch am besten, zweifelhafte Hierarchien in Frage zu stellen, wie er es bereits 1997 bei der documenta X in Kassel getan hat, indem er auf 100 Metern eines stillgelegten Bahngeleises aus Süd- und Südosteuropa „eingewanderte“ Pflanzen wachsen ließ. Was heute fast als Weissagung der aktuellen Migrationsproblematik daherkommt.

Die Ausstellung in der Wiener Galerie Krinzinger ist als weit verzweigte, fast labyrinthisch anmutende „Wunderkammer“ angelegt. Lässt tief in die Art, wie Lois Weinberger das Leben und die Welt denkt, eintauchen. Outet ihn einerseits als Schamanen, der sich im heimatlichen Garten im Tiroler Oberland Fetische baut, die nicht zufällig an Voodoo erinnern. Weinberger ist aber auch einer, der Gefundenes, indem er es in einen neuen Kontext stellt, zu Kostbarem adelt, so banal das Ausgangsmaterial auch sein mag.

Was auch wieder typisch für die Kunst Weinbergers ist. Erde kann für ihn genauso zum Werkstoff werden wie auf Tücher Geschriebenes, Tiermumien und Unkräuter, ein für die Vögel geschmückter Baum oder – zuletzt – aus purer Ackererde fragil geformtes Figurales. Doch die Art und Weise, wie diese Relikte des Realen inszeniert sind, machen klar, dass hier nicht „nur“ ein wacher Forschergeist am Werk ist, sondern ein Künstler, der ebenso leichtfingrig wie schwerblütig der Welt den Spiegel vorhält, obwohl er genau weiß, dass seine Botschaften bei den eigentlichen Adressaten nie landen werden.