Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 07.01.2019


Retroperspektive

Dieser Kunstbengel ist gezähmt

Die erste umfassende Retrospektive zu Jonathan Meese seit Jahren entpuppt sich als zahme Rückschau ohne neuen Spirit. Eine Suche nach der viel beschworenen Zukunft.

Noch bis 3. März kann sich der Besucher in der Münchner Pinakothek der Moderne die Frage stellen: Hat Jonathan Meese eine Zukunft oder bleibt er Kind der Neunziger?

© AFP/MirgelerNoch bis 3. März kann sich der Besucher in der Münchner Pinakothek der Moderne die Frage stellen: Hat Jonathan Meese eine Zukunft oder bleibt er Kind der Neunziger?



Von Barbara Unterthurner

München – „Kunst ist totalste Radikalität!“, „Kunst ist immer Mumin!“, „Kunst ist nährendstes Erzland!“, „Kunst ist immer ohne Falsch!“. Das sind nur einige Mantras von Jonathan Meese, die er dem Besucher seiner aktuellen Schau entgegenknallt. Sich wiederholende performative und textliche Aussagen – Mantras, mit denen der Künstler in den Neunzigern zu den ganz Großen der Hamburger Akademie aufstieg.

Aus einem schier unerschöpflichen Pool an historischen sowie popkulturellen Inhalten zieht die Kunstfigur Meese seit damals ihre Inspiration. Eine Figur, der zwar der Hitlergruß erlaubt wurde, aber auch eine, die zu viel war für das große Bayreuth. Hier hatte man den großen Meese 2016 mit seiner neuen Sicht auf historische Stoffe für die große Bühne angedacht. Und wo hätte ein Gesamtkunstwerk, wie es Meese ist, besser hingepasst? Schlussendlich wurde er wieder ausgeladen.

Immerhin ein großes Haus will Meese zeigen: 2018 wurde er in die Münchner Pinakothek der Moderne eingeladen. Quasi eine Ehre nach der Zäsur der Wagnerianer, aber auch eine, die den Wildwuchs zähmt. Einen persönlichen Zugang zum Künstler und seiner Arbeit wollten die Kuratoren Bernhart Schwenk und Swantje Grundler schaffen und reservierten für den inzwischen 48-Jährigen den quadratischen Raum im ersten Stockwerk.

Entstanden ist dort eine ganzheitliche Rauminstallation. Der Titel (an die Eingangswand gepinselt) „Die Irrfahrten des Meese“ und das Bodendiagramm (auch Vulkan genannt) sind Programm. Der Besucher begibt sich auf die Wirrfahrt ins Innerste des Künstlers. Eine allumfassende Erfahrung, ist Kunst bei Meese doch immer Obsession: nicht nur in Form seiner Adidas-Uniform, dem zwei Mal täglich Baden, sondern auch in Form stundenlanger Endlosschleifen von Eurythmics’ „Sweet Dreams“ – ein ganzes Jahr lang. Ebenso lang ergibt sich Meese bereits dem Odysseus-Mythos. Die Ausrichtung der Schau ist somit in erster Linie stimmig.

Die Irrfahrt entpuppt sich dann aber als eine Rückkehr in altbekannte Muster: Das Selbstbildnis mit Seitenscheitel, Quadrat unter der Nase und Katzenhaaren; große, dunkle Chefs der Kunst; der Salzhirte mit eisernem Kreuz. Ähnlich bei den Skulpturen: Barbiekörper ragen aus einer pinken Masse heraus, überbordende Bühnenbilder zeigen Szenen einer dystopischen Zukunft.

Aber der Eindruck des undurchsichtigen Chaos währt heute nur noch ebenso kurz wie der Eindruck des vermeintlichen Unsinns, den man den Werken unterstellen möchte. Denn wir haben bereits verstanden: Meese mit Dada zu vergleichen, greift zu kurz. Zu geplant, zu assoziativ bleibt die Arbeit des Künstlers. Und zu allem Überfluss – wir haben bereits Gebrauchsanweisungen für Meese entwickelt: Am besten nähert man sich dem Künstler über die Sprache. Während Dada lautmalerisch agiert, arbeitet Meese nach einem Schema, „Erz“ steigert jeden Superlativ, das Schreiben in Versalien ist sprachlich akzentuierend. Eine Idee von seiner Taktik bekommt man im Video der Privatperformance von 1997.

Dass diese Arbeiten gezeigt werden, ist dem Format Retrospektive geschuldet und auch gut so. Aber was kommt eigentlich danach? In der Münchner Schau nicht viel Neues. Das Ziel seiner Irrfahrt bringt einen wieder zum (alten) Ich zurück. Meese wird quasi selbst zum Mantra: Meese ist immer totalster Meese? Meese ist Erzmeese? Irgendwann sind – und das ist beruhigend – auch seine (Pop)-Assoziationen durchdekliniert; vor Dr. No, Fántomas und anderen bösen Buben schreckt niemand mehr zurück. Aber wie erkennt man Meeses viel beschworene Zukunft, wenn die Gegenwart fehlt?

Gibt es überhaupt neue Stoffe, an denen sich der Künstler abarbeiten kann, oder wird er seinem abgegrenzten Archiv nie entwachsen? Eine Digitalmoderne, in der rechte Symboliken wieder quasi salonfähig werden, hat diesen Kunstbengel überholt. Vielleicht gibt es außerhalb des Museums noch Raum für einen neuen Meese. Und ein neues Mantra.