Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 06.03.2019


Kunst

Maß nehmen am Menschen

Der Innsbrucker Dom, die Spitalskirche und die Haller Pfarrkirche verwandeln sich während der Fastenzeit durch moderne Kunst zu brisanten Nachdenkräumen.

Zeitlos und doch eingebunden in den Lauf der Zeit: Christus als Metapher für den verletzten, gedemütigten, missbrauchten Menschen.

© Vanessa RachléZeitlos und doch eingebunden in den Lauf der Zeit: Christus als Metapher für den verletzten, gedemütigten, missbrauchten Menschen.



Von Edith Schlocker

Innsbruck, Hall – Sosehr man sich nach Sonne sehnt, für die Installation von Manfred Erjautz stellt sie eine unschlagbare Konkurrenz dar. Geht es bei der Licht-Schatten-Skulptur, mit der der Grazer Künstler heuer während der Fastenzeit den Innsbrucker Dom bespielt, doch um ein raffiniertes Spiel mit (Neon-)Licht und Schatten, und das funktioniert logischerweise am besten in einem dunklen Raum.

Die beiden Buchstaben M und E, die Manfred Erjautz in roter Neonschrift zu einem wie ein cooles Logo daherkommenden Objekt verbunden hat, sind nicht zufällig die Initialen des Künstlers. Mit ME ist allerdings jeder gemeint, der sich auf das von der Vierung in 3,20 Meter Höhe über dem Boden abgehängte Objekt einlässt. Bei dessen Spiegelung am Boden sich das ME in ein klares WE verkehrt. Um auf spielerisch-hintergründige Weise das Spannungsfeld zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft, dem Vertrauten und dem Anderen aufzuzeigen. Also eine höchst brisante Thematik, die Erjautz in provokanter formaler Verkürzung aufwirft.

Wie alle Altarbilder werden auch die des Doms während der Fastenzeit verhüllt, auße­r das des Hauptaltars mit Cranachs Gnadenbild. Nicht so in diesem Jahr, in dem Erjautz durch violettes Licht dessen sanfte virtuelle „Verhüllung“ simuliert. In der bereits 19. Auflage einer künstlerischen Intervention während der Fastenzeit. Initiiert vom Arbeitskreis Kunstraum Kirche und ermöglicht nicht nur von Domprobst Florian Huber, sondern auch vom neuen – kunstsinnigen – Innsbrucker Bischof Hermann Glettler, der die Kunst des 53-jährigen Erjautz schon lange kennt und schätzt.

Dem Beispiel des Doms, durch moderne Kunst zu provozieren, um im besten Fall eine existenzielle Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Menschseins anzuzetteln, folgen in diesem Jahr auch die Innsbrucker Spitalskirche und die Haller Stadtpfarrkirche. Während in Hall der Südtiroler Bildhauer Lois Anvidalfarei mit seinen wuchtigen, in archaischer Nacktheit in die Welt geworfenen Figuren die Frage „Mensch – wer bist du?“ stellt, hat Manfred Erjautz in der Spitalskirche eine sehr spezielle Uhr an die Empore montiert. Ihr Stundenzeiger ist der geschnitzte Korpus einer rund 150 Jahre alten Christusfigur, die Minuten bzw. Sekunden zeigen ihre Arme an. Zwei Sekunden vor jeder vollen Minute gibt es einen kurzen Moment des Innehaltens.

Die Installation ist für den als Rektor für die Spitalskirche zuständigen Bischofsvikar Jakob Bürgler ein erster Schritt, um „seine“ Kirche zu einem offenen Begegnungsraum für alle zu machen, nicht zuletzt mit den Mitteln der Kunst.