Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 08.03.2019


Kunst

Der lange Weg eines Rahmens ohne Bild

Von den Nazis beschlagnahmt und 2017 im Ferdinandeum wiederentdeckt: Ein Rahmen von Ernst Ludwig Kirchner wird der Kunsthalle Bielefeld übergeben.

Der Rahmen zu Kirchners „Blick ins Tobel“ ist noch bis 6. April im Ferdinandeum zu sehen.

© Thomas Boehm / TTDer Rahmen zu Kirchners „Blick ins Tobel“ ist noch bis 6. April im Ferdinandeum zu sehen.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Inmitten von „Blut-und-Boden-Kunst“ ist ein Rahmen ohne Bild in der aktuellen Ferdinandeums-Ausstellung derzeit wohl das auffälligste Exponat. Handelt es sich dabei doch um einen Zeitzeugen, der auch ohne monumentale Bildsprache die Geschichte des Museums auf anschauliche Weise erzählt.

Allzu lange soll der Rahmen aber nicht mehr ohne Bild bleiben: Nach Beendigung der Ausstellung „Zwischen Ideologie, Anpassung und Verfolgung. Kunst und Nationalsozialismus in Tirol“ wird der Rahmen mit dem Originalbild zusammengeführt, gab das Ferdinandeum gestern bekannt. Er geht dafür an die Kunsthalle Bielefeld, wo sich das dazugehörige Gemälde „Blick ins Tobel“ des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner heute befindet.

Als symbolischen Akt bezeichnet Kurator Günther Dankl die geplante „Zusammenführung“. Es handelt sich in diesem Fall ja um keine klassische Restitutionsgeschichte. Trotzdem hat die Anekdote mit der Aufarbeitung der eigenen Geschichte unmittelbar zu tun. Gefunden wurde der Rahmen nämlich erst 2017 im Zuge der Umsiedelung der Ferdinandeums-Bestände ins neue Sammlungsdepot in Hall. Die Rückseite mit Etikett und Reichsadler beweist die Herkunft sowie, dass das Gemälde wie viele andere in Museen in Nazi-Deutschland beschlagnahmt worden war. Der Kirchner stammt ursprünglich aus der Nationalgalerie in Berlin.

Ins Ferdinandeum kam das Bild als Teil der berühmten Sammlung Fohn, die 1943 teilweise in die Obhut des Museums gegeben wurde. Insgesamt 13 Kisten deponierte das deutsche Sammlerpaar damals in Innsbruck, als es nach Kastelruth in Südtirol übersiedelte. Der Inhalt der Kisten war damals gefährlich, galten die darin aufbewahrten Werke unter den Nazis doch als „entartet“. Aus heutiger Sicht sind es Werke von gefeierten Künstlern der klassischen Moderne.

In den Kisten befanden sich Hauptwerke von Paul Klee, August Macke, Franz Marc und auch Ernst Ludwig Kirchner. Wie genau das Sammlerpaar zu diesem Schatz kam, ist ebenso kurios: Es gelang ihnen 1939 auf dem Tauschweg, für 25 Werke „deutsch-römischer Künstler“ rund 450 Werke „entarteter Künstler“ zu erwerben.

Nach dem Krieg wurden die Kisten der Fohns abgeholt – die Rahmen blieben zurück, zeigen die Aufzeichnungen aus dem Ferdinandeums-Depot. Die Kunstwerke landeten schließlich in der Wiener Albertina und zu einem Großteil in den Bayerischen Staatsgemälde­sammlungen in München.

„Man hat immer gehofft, dass auch das Ferdinandeum etwas von der Sammlung abbekommt“, bestätigt Dankl. In diesen Genuss kam das Museum zwar nicht, eine Schenkung von 12 Arbeiten aus der Hand des Sammlerpaars – Sofie und Emanuel Fohn waren selbst auch Künstler – steht als Dank für die Aufbewahrung. Dass sich das Werk von Kirchner heute nicht in der Albertina oder in München, sondern rechtmäßig in Bielefeld befindet, erklärt sich Kustos Dankl so: „Die Fohns mussten nach dem Krieg wohl auch einige Werke verkauft haben, so etwa auch ,Blick ins Tobel

, das nach Bielefeld ging.“

Der Anspruch, möglichst transparent mit der Geschichte umzugehen, veranlasste Dankl zu seiner aktuellen Ausstellung. Dementsprechend groß ist auch das Interesse der Besucher an der Schau. Diese markiert allerdings nicht den Anfang eines Prozesses, sondern ist im Zuge dessen entstanden: Seit Mitte der Neunziger betreibt das Museum aktiv Provenienzforschung bei fragwürdigen Werken. Einiges wurde restituiert, manches noch nicht. Eine Liste mit Werken ungeklärter Provenienz ist online zu finden.