Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 12.03.2019


Kunst

„Quellen und Verweise“: Die Tinte ist ein besonderer Saft

Heidrun Sandbichlers „Quellen und Verweise“ in der Wörgler Galerie am Polylog.

In der Wörgler Galerie am Polylog: Heidrun Sandbichlers Zeichnung der „Fig. 63“ im Rahmen ihrer Personale „Quellen und Verweise“.

© Miro KuzmanovicIn der Wörgler Galerie am Polylog: Heidrun Sandbichlers Zeichnung der „Fig. 63“ im Rahmen ihrer Personale „Quellen und Verweise“.



Von Edith Schlocker

Wörgl, Innsbruck – Dass Heidrun Sandbichler eine gelernte Kunsthistorikerin ist, ist in dem komplexen, streng konzeptuell angelegten Werk der seit vielen Jahren in Rom lebenden Innsbruckerin unübersehbar. Ausstellungen von ihr sind höchst rare Angelegenheiten, was ihre aktuelle Personale im Polylog umso interessanter macht. Sie trägt den geheimnisvollen Titel „Quellen und Verweise“, angelegt als „eine Arbeit zu den Vorratshäusern der Schrift“, wie im Begleittext zur Schau zu lesen ist. Der den Ausstellungsbesucher an die Hand nehmen soll, verweigert die Künstlerin selbst doch jedes Sprechen über ihre ebenso spröde wie poetische Arbeit.

In der Sandbichler tief eintaucht in die Welt der Philosophie bzw. der kollektiven Erinnerung. Festgemacht an geheimnisvollen kleinen Objekten, die in auf fragile metallene Podeste aufgestelzte gläserne Vitrinen eingehaust sind. Das kann das Fragment einer ganz normalen Kluppe genauso wie das Skelett eines Hasen sein. Der in der neueren Kunstgeschichte Versierte erkennt hier deutlich die Reverenz an Joseph Beuys, für den der Hase bekanntlich ein „Außenorgan des Menschen“ war. Für Verweise unterschiedlicher Art gut sind die Kluppenfragmente. In ihrer Unvollkommenheit lesbar als Brückenelement, das, anstatt etwas zu verbinden, in den Abgrund führt, genauso wie als fragiles Elfenbeintürmchen, das jeder Wunderkammer der Renaissance zur Ehre gereichen würde.

In einer ganzen Reihe der Objekte geht es dagegen um die Tinte als jenen Saft, der das gesammelte Wissen der Menschheit speichert bzw. dies über viele Jahrhunderte getan hat. Von Sandbichler vorgeführt als Tintenspritze, Tintenbad oder Tintenbandage. In einer anderen Vitrine liegt wiederum Louis Florentin Calmeils zweibändiges Buch „De La Folie“ von 1845. Gesetzt ist dieses Archiv des Wahns in Spiegelschrift, wodurch es von der Künstlerin um die Gegenwart ergänzt werden soll. Fein säuberlich aus einem alten Buch über Krankheiten abgezeichnet hat Sandbichler dagegen die Fig. 63.

Mit ihrer Installation „The New Colossus“ erinnert die Künstlerin an die große jüdische Humanistin Emma Lazarus. Indem sie ihren 1883 getätigten Spendenaufruf für den Bau des Podests der New Yorker Freiheitsstatue auf einer 5,5 mal vier Meter großen Werbetafel am Vorplatz des Innsbrucker Hauptbahnhofs präsentiert. Gedacht als heute mehr denn je aktueller Aufruf für Freiheit und Humanität.