Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 20.04.2019


Kunst

Malerei mit der Schärfe von Musik

Ikonische Werke von Mark Rothko in der ersten Personale des Ausnahmekünstlers in Österreich im Kunsthistorischen Museum.

Mark Rothko 1960 vor dem Werk „No. 7“.

© Kate Rothko Prizel & ChristopherMark Rothko 1960 vor dem Werk „No. 7“.



Von Edith Schlocker

Wien – Es hat erstaunlich lang­e gedauert, bis dem amerikanischen Ausnahmekünstler Mark Rothko in Österreich eine Einzelausstellung gewidmet wird. Doch das Warten hat sich gelohnt. Gibt es doch vielleicht keinen besseren Ort als das Wiener Kunsthistorische Museum, um die meditative Farbfeldmalerei des Sohns russischer Emigranten zu präsentieren, gerade weil sie in ihrer Hermetik in so totalem Gegensatz zur Opulenz der umgebenden Architektur stehen.

„Ich bin Maler geworden, weil ich der Malerei die Schärf­e von Musik und Dichtung geben wollte“, hat der 1903 im russischen Dwinsk geborene Künstler einmal gesagt, der als Zehnjähriger mit seiner Familie in die USA ausgewandert ist. Heute sind die Bilder aus der Spätzeit Rothkos Ikonen der neueren Kunstgeschichte, gehören zu den am höchsten bezahlten weltweit.

Die Schau im Kunsthistorischen Museum zeigt aber nicht nur exzellente Beispiel­e aus dieser finalen Epoche, sondern auch den Weg dorthin. Liegen die Anfänge des Großmeisters des Abstrakten Expressionismus doch im Figuralen. Waren seine eigentlichen Lehrmeister Altmeister wie Fra Angelico, Rembrandt und Vermeer genauso wie Matiss­e, Bonnard und Picass­o. Um das Reale zu Extrakten zu verdichten, bevor Rothko um 1950 formal komplett mit allen Traditionen brach, seine altmeisterliche Maltechnik aber beibehielt.

Alles Figurale, auch nur entferntest Assoziative hinter sich lassend, wandelte sich Mark Rothko zum Maler von Bildern, die allein von der Farbe leben, entführend in beklemmende geistige und emotionale Sphären. Ausgebreitet auf riesigen Formaten in einem höchst konzentrierten, in vielen Schichten zelebrierten Tun, eine Tiefe suggerierend, die unendlich zu sein scheint. Das Ergebnis sind Bilder, die wie Ikonen daherkommen. Kreisend als sehr persönliche Variante des Ewigen um ein „inneres Licht“, das Rothko bei Rembrandt so bewundert hat.

Kern der Wiener Ausstellung sind riesige Bilder, die der Künstler für einen Speise­saal in Mies van der Rohes New Yorker Seagram Building gemalt hat. Entwickelt gern um nur eine, delikat variierte, sich aus unbestimmten Hintergründen meist in horizontaler Gliederung an die Oberfläche drängenden, an ihren Rändern malerisch ausfransenden Farbfeldern.

Die formale Reduktion seiner Kunst hat Mark Rothko im Jahrzehnt vor seinem selbst gewählten Tod 1970 immer radikaler ausgereizt. In Bildern, die erstaunlich hell und friedvoll, aber auch infernalisch brennend oder ahnungsvoll düster daherkommen können. Als Ausdruck tiefgründiger Seelenqualen, die es intuiti­v schaffen, den Betrachter in existenzieller Nachhaltigkeit zu berühren.