Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 17.05.2019


Ferdinandeum

Die Faszination des Grauens: Große Schau mit Egger-Lienz

Diskussion hält den Diskurs in Bewegung: Die gestern eröffnete Ferdinandeumsschau „Bilderwelten zwischen den Kriegen“ hinterfragt Zuschreibungen.

Schonungslos: Kriegsgräuel bei Egger-Lienz’ „Finale“ (1918).

© Leopold PrivatsammlungSchonungslos: Kriegsgräuel bei Egger-Lienz’ „Finale“ (1918).



Innsbruck – Der „Bauernmaler“ und der „entartete Künstler“. So der gemeine Ruf von Albin Egger-Lienz und Otto Dix. Dass tradiert nicht gleich unumstößlich heißen muss, bewies die vor Kurzem im Ferdinandeum zu Ende gegangene Schau um Nazikunst in Tirol. Auch mit ihrer neuen Ausstellung, „Bilderwelten zwischen den Kriegen“, kuratiert von Helena Pereña, gelingt dem Haus ein ähnlicher Clou.

„Die Irrsinnige“ von Otto Dix ist das erste Mal in Österreich zu sehen.
„Die Irrsinnige“ von Otto Dix ist das erste Mal in Österreich zu sehen.
- Kunsthalle Mannheim

Rund 200 Arbeiten der beiden Künstler sind dort zu sehen, 180 stammen aus Leihgaben. Kein Wunder, dass sich Pereña bereits seit 2014, anlässlich des 100. Gedenkjahrs zum Ersten Weltkrieg, mit den Künstlern beschäftigt. Ein transnationales Projekt in Form einer Gegenüberstellung hatte bisher aber keiner gewagt. In Österreich gibt es kaum museale Bestände zu Dix; im Gegensatz zu Egger-Lienz, der wiederrum in Deutschland höchstens als Blut- und Bodenmaler der Nazis gekannt wird. Und es gibt Gemeinsamkeiten: Beide meldeten sich freiwillig für den Dienst an der Front. Egger-Lienz für zwei Wochen, Dix bis zum Ende des Kriegs. Ihr künstlerischer Höhepunkt liegt in der Zwischenkriegszeit. Für Egger-Lienz das Ende der Karriere – für Dix der Anfang.

Und beide sind fasziniert vom Grauen und verarbeiten das in zynischen und schonungslosen Werken. Passend dazu ist die Schau gebaut: als Stadt mit einsamen, kontemplativen Winkeln und engen Gassen, voll Erinnerungen an eine nicht verdaute Zeit.

Im Parterre herrscht (noch) Krieg: Imposante Soldatenbilder von Egger-Lienz sowie Dix’ Zyklus „Der Krieg“ von 1924 zeigen die schonungslosen Gräuel an der Front. Im Großen sowie im Kleinen. Bei Dix blitzen Vorbilder wie Goyas Serie „Desastres de la guerra“ durch. Und Egger-Lienz’ Monumentalmalerei ist nicht frei von stilistischem Experiment.

Im ersten Stock wechselt der Besucher zu den Nebenschauspielern im Krieg, Witwen, Kinder, sogar Hunde. Atmosphärischer Höhepunkt: der naturalistische Blick von Dix auf das Wunder der Geburt und ein mit den Monumentalarbeiten „Mütter“, „Pietá“ und „Auferstehung“ konstruiertes Egger-Lienz-Tryptichon. Der Tod spielt bei beiden Künstlern die Hauptrolle. So auch bei Dix’ „Irrsinniger“. Sie ist Destillat aller in der Schau angeschnittenen Themenkreise: Arbeit, Familie oder Stilelemente.

Womit die Schau zum Höhepunkt kommt, zur Diskussion darüber, wie Zuschreibungen entstehen – ein Thema, das im umfangreichen Katalog weitergeführt wird. Vorausgeschickt werden darf: Dix’ Spätwerk und ein genauer Blick auf Egger-Lienz’ Hauptwerke bringen ihren Ruf ins Wanken. Dass Hinterfragen höchst brisant ist, zeigt sich nicht zuletzt an der derzeitigen Berliner Diskussion um Emil Nolde. „Bilderwelten zwischen den Kriegen“ zeigt, dass auch ein Provinzmuseum im aktuellen Diskurs mitmischen kann. (bunt)