Letztes Update am Do, 16.05.2019 15:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Austellung

Kriegselend: Egger-Lienz und Dix in Sonderausstellung

Albin Egger-Lienz und Otto Dix sind erstmals gemeinsam in einer Ausstellung in Tiroler Landesmuseum zu sehen. Es werden 200 Werke präsentiert.

Albin Egger-Lienz, Mütter, 1922-1923

© FerdinandeumAlbin Egger-Lienz, Mütter, 1922-1923



Innsbruck – Der eine posthum von den Nationalsozialisten als „Bauernmaler“ für sich entdeckt, der andere von ihnen verhasst, verleumdet und seines Postens an der Kunsthochschule in Dresden enthoben. Albin Egger-Lienz und Otto Dix, beide vom Ersten Weltkrieg in ihrer kritischen Schaffens- und qualvollen Lebenswelt geprägt, zeichnen in der Sonderausstellung im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum ein eindrucksvolles Bild der Zwischenkriegszeit. Einige von Dixʼ Meisterwerken, wie etwa „Die Irrsinnige“ (1925), sind zum ersten Mal in Österreich zu sehen.

„Die beiden Künstler haben zwar Generationen getrennt, sie haben aber ähnliche Erfahrungen gemacht“, erklärte Direktor Wolfgang Meighörner die Verbindung der beiden Künstler. Egger-Lienz ist bereits 1926 verstorben, Dix erst 1969. Dennoch erlebten beide nach dem Ersten Weltkrieg einen Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens – und nahmen auch dieselben Themen in den Fokus.

Zwiespältige Faszination

Im ersten Bereich der Ausstellung wird eine zwiespältige Faszination für Krieg und Gewalt thematisiert, die die Kunstwelt zu Beginn des Ersten Weltkrieges prägte. „Wer sich Dixʼ farbenprächtigen Gemälden nähert, wird mit dem Grauen schonungslos konfrontiert. Menschen, die unvorstellbare Qualen erleiden, im Sterben liegen oder bereits tot sind, bevölkern die brutalen Bilderwelten. Dix gelingt es, den Abschaum auf ästhetische Weise zu verarbeiten. Ein gutes Beispiel dafür sind auch die auf den ersten Blick schwer erkennbaren Motive der Schwarz-Weiß-Grafiken. Erkennt man, womit man es hier zu tun hat, ist ein Entkommen nicht mehr möglich“, soHelena Pereña,Hauptkuratorin der Tiroler Landesmuseen und Kuratorin der Sonderausstellung. Dix sorgte dadurch zu Lebzeiten für Unbehagen, seine Kunst wurde sogar als „zum Kotzen“ beschrieben.

Zwischen Prostituierter, Witwe und Mutter

Im Obergeschoss der Ausstellung sind keine Leichenfelder mehr zu sehen, sondern die Hinterbliebenen in der Nachkriegszeit: Witwen und Prostituierte sowie Kranke und Kriegsversehrte. Juliette Israëls Ausstellungsarchitektur ordnet die verschiedenen Bereiche nach dem Vorbild einer Stadt an, die sich über Straßen und Kreuzungen erkunden lässt.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Als zentraler Knotenpunkt dient Dixʼ „Die Irrsinnige“ (1925), eine halb entblößte Witwe über deren Kopf feuerrote Dämonen kreisen. Sie vereint Leben und Tod, die eine Verbindung miteinander eingehen, die sich durch das gesamte Obergeschoss zieht. Der hagere Frauenkörper vermittelt Vergänglichkeit, während ihre herunterhängenden Brüste an die dürre alte Frau hinter der aufreizenden jungen Figur in der „Vanitas“ (1932) erinnern und damit auf den Verfall als Rückseite des prallen Lebens verweist.

Die Witwen stellen einen Schwerpunkt der Ausstellung dar. Dix gestaltete sie oft ähnlich wie die Prostituierten. Damit thematisierte er die zwiespältige Rolle der Frau in der Zwischenkriegszeit: Auf der einen Seite tritt sie als Witwe der im Krieg gefallenen Soldaten auf, deren prekäre Situation häufig in die Prostitution führte. Auf der anderen Seite blieb sie immer noch die Mutter, die für die Familie sorgte. Egger-Lienz stellte die Witwen als „Kriegsfrauen“ (1918–22) mit verzerrten, maskenhaften Mienen dar. Sie erinnern an Klageweiber, denen Mitsprache und Mitwirkung an ihrer misslichen Lage entzogen wurde. Die Trauer um verlorene Männer und Söhne manifestiert sich in resignierten Gesichtern. Eine noch schärfere Nuance verlieh er ihnen, als er für „Die Mütter“ (1922–23) ein Kruzifix in die Stube legte und damit jeden Hoffnungsschimmer aus den Gesichtern der Frauen und des abgebildeten Säuglings radierte.

Von den Nationalsozialisten vereinnahmt

Perena bezeichnete die Werke als „schaudererregend“ und „Bilder von menschlichen Abgründen“. Exemplarisch für diese Wahrnehmung stehe das von Egger-Lienz in den Jahren 1915/16 geschaffene Bild „Der Krieg“. Es zeigt „anonymisierte, mechanisierte Soldaten, die über Leichen gehen“ und Perena betont, dass das Werk heute als „pazifistisches Monument“ gelesen werde. Dies sei deswegen von Bedeutung, da der Tiroler Maler von den Nationalsozialisten posthum als „Blut-und-Boden-Künstler“ und „Bauernmaler“ instrumentalisiert worden sei, so die Kuratorin. Otto Dix dagegen wäre von den Nationalsozialisten verachtet worden und seine Kunst als „entartet“ präsentiert. Außerdem habe er im Zuge der NS-Gewaltherrschaft auch seinen Posten an der Dresdner Kunsthochschule verloren.

Die beiden Künstler würden sich nicht ohne weiteres in die „Schubladen der Kunstgeschichte“ einordnen lassen, so das Ferdinandeum in seine Aussendung. Daher würden sie sich in einem „Randbereich“ begegnen. Dix gelte als „Stilpluralist“, Egger-Lienz dagegen zeichne sich durch seine Stilsicherheit und Konsequenz aus. Für den „Hauskünstler“ Egger-Lienz wolle man nun im Ferdinandeum ein Kompetenzzentrum aufbauen. (TT.com, APA)

Ferdinadeum

Egger-Lienz und Otto Dix: Bilderwelten zwischen den Kriegen