Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 21.05.2019


Kunst

„Habe noch einen Haufen Arbeit, bis ich abkratze“

Einladung zum ganz genauen Hinschauen: Erste Personale in Österreich der Schweizer Künstlerin Miriam Cahn im Kunsthaus Bregenz.

Am 19. und 24. September 2017 in Öl auf Holz gemalte titellose Arbeit von Miriam Cahn.

© markus tretterAm 19. und 24. September 2017 in Öl auf Holz gemalte titellose Arbeit von Miriam Cahn.



Von Edith Schlocker

Bregenz – Sie sei eine „Gerechtigkeitsfeministin“, sagt die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn und entsprechend wuterfüllt kommen die Bilder und auf riesiges Papier geschleuderten Zeichnungen der 70-Jährigen auch daher – als ihr sehr spezieller Beitrag zu #MeToo, entstanden allerdings zum größten Teil lange vor dieser Debatte und ohne dezidiert Partei für die Frauen zu ergreifen. Letztlich sind allerdings Konflikte aller Art Cahns Thema, um diese in intuitivem, weit ausholendem Gestus „machend und nicht denkend“ zu kommentieren.

Kommentare, mit denen die international Gefragte in ihrer ersten Einzelausstellung in Österreich alle vier Etagen des Bregenzer Kunsthauses füllt. Um eindrucksvoll vorzuführen, wie reich an Nuancen ihr künstlerisches Repertoire ist. Zelebriert in Augenhöhe mit den Betrachtern ihrer Bilder, in denen geboxt, ertrunken und masturbiert wird, von Männern genauso wie Frauen.

Im Erdgeschoß hat Miriam Cahn teilweise mit Buntstiften subtil überarbeitete schwarzweiße Scans ihrer ganz frühen Bilder an die Wand gepinnt. Die Frau wird hier hart an der Grenze zur Pornografie in ihrer ganzen verwundbaren Kreatürlichkeit seziert, während die Künstlerin im Geschoß darüber mittels auf den Boden gelegter Zeichnungen einen Parcours gelegt hat, in dem es um Tiere und Bäume genauso wie um Menschen geht, die sich bisweilen in Lemuren verwandeln. Die großartige Zeichnerin Miriam Cahn outet sich da, die im zweiten Obergeschoß förmlich explodiert – in riesigen, von der Decke gehängten, in irritierender grafischer Wucht vollgeschriebenen Blättern. Die Szenarien sind düstere, zeichenhaft beklemmende Verdichtungen martialisch kriegerischer Ästhetik.

Die Gabe, das Schreckliche oberflächlich schön daherkommen zu lassen, macht die verführerische Kraft der Kunst Miriam Cahns aus. Egal, ob sie Kriegsschiffe oder Raketenabschussrampen zu fast schwarzen, grafisch dichten Mustern verdichtet, oder in pastelligem Kolorit gemalte, erschreckende Menschenbilder an die Wände hängt. Von Flüchtenden, im Meer Versinkenden oder herausfordernd lächelnd mit ihrem Geschlecht spielenden Frauen. Als unmissverständliche Aufforderung an sie, sich und damit die Welt zu ändern. Einen Haufen Arbeit, bis sie abkratze, habe sie jedenfalls, sagt Miriam Cahn und lacht.