Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 25.05.2019


Kunst

Kaleidoskop des grafischen Heute

Kirsten Borchert räumt den Hauptpreis beim 36. Österreichischen Grafikwettbewerb ab. Die diesjährige Ausstellung ist ein Experiment.

Arbeiten von Kirsten Borchert waren im Dezember 2018 bereits in der Gruppenschau „4“ im Innsbrucker artdepot zu sehen.

© Günther KresserArbeiten von Kirsten Borchert waren im Dezember 2018 bereits in der Gruppenschau „4“ im Innsbrucker artdepot zu sehen.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Er ist der älteste künstlerische Wettbewerb Österreichs. Und er geht dennoch immer noch neue Wege. Der Österreichische Grafikwettbewerb, 1952 initiiert, wird seit 20 Jahren im Taxispalais ausgetragen und in Form einer Ausstellung präsentiert.

Den größten Preis, jenen, der vom Land Tirol mit 5500 Euro gestiftet wird, erhält in diesem Jahr die gebürtige Deutsche Kirsten Borchert, die in Wien lebt. Mit ihrer Arbeit „Equal“, mehr Collage denn Zeichnung, überzeugte sie die Jury. Ihr wird aber erstmals keine Einzelpräsentation zuteil. Nachdem Leiterin Nina Tabassomi bei der letzten Ausgabe 2017 die separate Schau des Hauptpreisträgers abgeschafft hatte (wie sie verrät, auch deshalb, weil sie den Gewinner lieber unbeeinflusst vom Bewerb zeigen möchte), stand die Kuratorin in diesem Jahr vor einer neuen Aufgabe: Wie kann ein Wettbewerb vermittelt werden? Und vor allem, wie können die sonst für die Einzelpräsentation verwendeten Räume gefüllt werden?

Eingereicht werden darf pro Künstler ja jeweils nur eine Arbeit bzw. eine in ihrer Größe begrenzte Serie. Tabassomi beschloss also, alle Einreichungen zu hängen. 410 an der Zahl. Streng alphabetisch: Laien neben Berufskünstlern, Großes neben Kleinem, Tiefgründiges neben Einfältigem. Und vor allem Preisträger inmitten aller anderen Kandidaten. Die Prämisse der Egalität, die verbal in der Gewinnerarbeit von Borchert („Equal“) steckt, wird zum Motto. Kann diese hehre Vorstellung der künstlerischen Realität standhalten? Nein, natürlich gibt es Qualitätsunterschiede.

Was aber gelingt: Der Wettbewerb wird größer als die Preisträger allein. Tabassomi schafft einen beeindruckenden und zugleich verwirrend flirrenden Überblick an zeitgenössischer Grafik in Österreich. Aber: Wer die Orientierung behalten will, klebt an der Begleitbroschüre fest, die damit quasi unerlässlich wird. Ohne diese wird es schwierig, die Entscheidungen der Jury zu erkennen, auch wenn Pfeile am Boden auf die Preisträger hinweisen.

Dabei ist die Auswahl der Jury (Stephanie Damianitsch von der Akademie der bildenden Künste, Kuratorin Giorgia Holz und Tabassomi selbst) durchaus nachvollziehbar: Das Anliegen, ein repräsentatives Spektrum an Zugängen auszuzeichnen, gelingt vollkommen. Schließlich eint die so verschiedenen Arbeiten eigentlich nur ihr Bildträger – das Blatt Papier.

Was auf oder mit dem Bildträger passiert, ist vornehmlich disparat – ein Brückenschlag zwischen den Preisträgern könnte über den Inhalt gelingen: Annja Krautgasser (Preis der Bundeshauptstadt Wien) und Alexandra Kontriner (Preis des Landes Niederösterreich) eint das händische, äußerst detailgetreue Abarbeiten an einem bestimmten Symbol: Bei Krautgasser ist es die Glock, bei Kontriner der Schädel eines Steinadlers. Mit einer noch viel klareren Symbolik spielt nur Susanne Schuda (Preis der Raiffeisen-Landesbank Tirol AG); in Matt-Mullican-Manier integriert sie Gebrauchsgrafik. Eine skulpturale Ausformung nimmt die Zeichnung bei Simona Obholzer (Preis des Landes Südtirol) ein, ihr Horizont überträgt die Zeichnung ins Dreidimensionale. Einen nicht nur technischen Zugang offenbart hingegen Benjamin Zanon (Preis des Landes Oberösterreich), der in seiner feinen Arbeit „Hasspostings“ versucht, das Wort „Hass“ (bzw. „hate“ oder „odio“) so oft zu schreiben, bis es – in floralen Mustern aufgehend – abstrakt wird.

Ob das Konzept funktioniert, ist Experiment. Genau wie eine solche Ausstellung Experiment ist. Aber dass die Art der Präsentation weiterhin hinterfragt wird, hält den Bewerb am Laufen. Wichtig, weil die Grafik künstlerisch nach wie vor mehr als relevant ist: Heuer gab es rund 100 Bewerbungen mehr als noch 2017.




Kommentieren


Schlagworte