Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 05.06.2019


Kunst

Widerständige visuelle Rhetorik im WEI SRAUM

Der Innsbrucker WEI SRAUM führt in seiner aktuellen Ausstellung stichprobenartig vor, welche Potenz das Plakat als Multiplikator gesellschaftlichen Ungehorsams hat.

Grafisch banales Anti-Zwentendorf-Plakat aus den 1970er-Jahren.

© weisraumGrafisch banales Anti-Zwentendorf-Plakat aus den 1970er-Jahren.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Die Krisensymptome sind in der Welt von heute nicht zu übersehen. Die gesellschaftliche Praxis, darauf in der Form von Plakaten zu reagieren, ist alt und doch immer neu. Sich formal wandelnd mit dem jeweiligen Zeitgeist, während die Auslöser der Proteste wie Rassismus, Unfreiheit, Grenzen oder Umwelt scheinbar immer die gleichen bleiben. Wobei das Plakat durch eine das jeweilige Problem auf den Punkt bringende visuelle Rhetorik die Menschen anzetteln soll, sich nicht alles gefallen zu lassen, im besten Fall selbst aktiv zu werden.

Ein auf drastische Zeichen setzendes Plakat des israelischen Grafikers Yossi Lemel.
Ein auf drastische Zeichen setzendes Plakat des israelischen Grafikers Yossi Lemel.
- weisraum

Eine Ausstellung wie die im WEI SRAUM kann naturgemäß nur stichprobenartig Plakate quer durch die Zeiten und Länder präsentieren. Beginnend mit den auf einen ersten Blick satirisch daherkommenden Fotomontagen von John Heartfield, der mit dadaistischen Mitteln die ganze Brutalität des Nationalsozialmus demaskierte. Die in die Höhe gereckte Faust ist dagegen charakteristisch für die während der Studentenrevolution von 1968 in Paris entstehenden politischen Botschaften. Ihre Schöpfer sind anonym, im Gegensatz zu den ebenfalls in den 1960er-Jahren vom britischen Grafikdesigner Ken Garland kreierten Anti-Atomkraft-Plakaten, deren Logo als Peace-Symbol viele Jahre später weltbekannt wurde.

Visuell wieder ganz anders präsentiert sich der Widerstand in der Person von Lex Drewinski auf polnisch. Seine Plakate sind gerade durch die formale Reduktion der von ihm umkreisten Botschaften so unmissverständlich. Während er auf abstrakte Zeichen setzt, mag sein israelischer Kollege Yossi Lemel die augenreizerische Dramatik. Wenn er etwa den Konflikt zwischen Israel und Palästina auf ein knirschendes Gebiss reduziert oder zwei Stücke Fleisch mit einer groben Schnur zusammennäht.

Ein von Luka Rayski ebenso minimalistisch wie intensiv formulierter Widerstand auf Polnisch.
Ein von Luka Rayski ebenso minimalistisch wie intensiv formulierter Widerstand auf Polnisch.
- weisraum

Die Ausstellung zeigt aber auch eine Reihe komplett unterschiedlicher Plakate, die im Rahmen des seit 2010 ausgetragenen internationalen Plakatfestivals „Mut zur Wut“ entstanden sind. Visuellen Widerstand in der Form von Plakaten gibt es aber natürlich auch in Österreich bzw. Tirol. Angefangen mit dem – erfolgreichen – Protest gegen die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks in Zwentendorf in den 70er-Jahren bis zu dem von Markus Wilhelm in den 1990er-Jahren in Innsbruck plakatierten „Foehnsturm“, in dem er mit viel Wortwitz eine Widerstandskultur gegen den politischen Mainstream anzetteln wollte. Und auch einer, der das Plakatieren besonders in Wahlkampfzeiten nicht lassen kann, ist Treibhaus-Chef Norbert Pleifer.