Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 28.06.2019


Kunst

Invasion der Tiere am Bergisel

Von unserem sich wandelnden Lebensraum erzählt die neue Sonderausstellung im Tirol Panorama am Bergisel. Und von wenigen Gewinnern und vielen Verlierern in der Tierwelt.

Den perfekten Rundumblick hat sich dieser – ausgestopfte – Steinbock am Dach des Tirol Panorama gesichert.

© TLM/GamperDen perfekten Rundumblick hat sich dieser – ausgestopfte – Steinbock am Dach des Tirol Panorama gesichert.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Das Tirol Panorama ist schon von seiner Architektur her ein Haus mit vielerlei Aussichten. Derzeit kann hier aber nicht nur in die Landschaft hinausgeschaut, auf die Autobahn hinuntergeschaut und per Riesenrundgemälde zeitlich bis ins Jahr 1809 zurückgeschaut werden, streifen im Moment doch auch jede Menge Tiere durch das Haus, die es in Tirol neuerdings wieder gibt bzw. fast nicht mehr oder gar nicht mehr gibt. Da umschleicht etwa ein – ausgestopfter – Wolf den Sockel, auf dem der in Holz geschnitzte Kaiser Franz I. steht. Daneben klebt ein Schwalbennest an der Betonwand, ein Luchs zieht seine Kreise, ein Eichhörnchen klettert eine Säule hinauf, an der Glasfassade klebt die Grafik einer Eidechse, am musealen Dach verschafft sich ein Steinbock einen Überblick.

Dass für die Schau allerdings keines der Tiere sein Leben lassen musste, betont das Kuratorenteam rund um Christine Gamper. Und auch, dass die verblüffend lebensecht präparierten Tiere durchaus gestreichelt werden dürfen. Die Ausstellung will allerdings vielmehr als ein museal aufbereiteter Streichelzoo sein. Indem etwa Präparate von Käfern und Schmetterlingen gezeigt werden, die durch die Veränderung unseres Lebensraums und die Intensivierung landwirtschaftlicher Praktiken vom Aussterben bedroht sind oder die es gar nicht mehr gibt. Außer in der Form der fein gerahmten, verblüffend hyperrealistischen Zeichnungen und Aquarelle von Alexandra Kontriner.

Obwohl die Ausstellung „(un)natürlich urban“ eine ist, die primär in der Form bildhafter Gegenüberstellungen des immer mehr zuwachsenden Innsbrucker Lebensraums die Problematik einer zunehmend in Bedrängnis geratenden Natur transportiert, fehlt es auch nicht an klaren Daten und Fakten, etwa bezüglich Demographie. Es kommen aber auch Zeitzeugen zu Wort, die wehmütig von einem Innsbruck erzählen, das es so heute nicht mehr gibt.

Wie rasch dieser Wandel passiert, macht die Gegenüberstellung von etwa 50 Jahre alten Fotografien mit solchen von heute klar. Und Parallelen zwischen der 10.000-Einwohner-Stadt Innsbruck um 1809, von der das Riesenrundgemälde auch erzählt, mit der boomenden, vom Transitverkehr geplagten 130.000-Einwohner-Stadt von heute zu finden, ist fast unmöglich.