Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 20.07.2019


Innsbruck-Land

„Für meine Mutter“: Zärtliche Trauerarbeit eines Sohnes

Walter Pichlers Zyklus „Für meine Mutter“ in der Telfer Villa Schindler: angelegt als gezeichnete und gemalte Wiedergutmachung in 30 Teilen an dem, was an seiner Mutter verbrochen worden ist.

Im Besitz der Klocker-Stiftung: Walter Pichlers „Die silberne Schürze meiner Mutter“.

© Thoman/Elfie Tripamer/PichlerIm Besitz der Klocker-Stiftung: Walter Pichlers „Die silberne Schürze meiner Mutter“.



Von Edith Schlocker

Telfs – Obwohl – oder wahrscheinlich gerade weil – als Kind einer Optantenfamilie in Telfs aufgewachsen, wollte Walter Pichler mit dieser ungeliebten Wahlheimat als Erwachsener nichts mehr zu tun haben. So hat sich der 2012 verstorbene Zeichner und Bildhauer etwa lebenslang geweigert, in Telfs auszustellen, gegen die Ausstellung, die ihm nun in der Villa Schindler ausgerichtet ist, dürfte aber selbst er nichts einzuwenden haben. So klug ist sie von Ruth Haas und Claudia Mark kuratiert, so stimmig von Christian Höller ausstellungsarchitektonisch inszeniert.

Schon beim Betreten der Schau glaubt man, Walter Pichler hier leibhaftig sitzen zu sehen. So ganzheitlich in seinem Wesen hat das fotografierende Künstlerduo Clegg & Guttmann Pichler drei Jahre vor seinem Tod porträtiert. Lebensgroß in einem Stuhl sitzend, ernst in die Ferne blickend, am niedrigen Tisch daneben liegt ein Päckchen der unvermeidlichen Zigaretten, an der Wand hängt ein einziges kleines Bild: die 1979 entstandene Zeichnung „Die silberne Schürze meiner Mutter“.

Ein zentrales Blatt aus Pichlers Zyklus „Für meine Mutter“, der 2010 erstmals im Bergfried von Schloss Tirol zu sehen war und nun in der Villa Schindler hängt. 13 der Zeichnungen, Tusche- und Temperaarbeiten hat 2013 die Klocker-Stiftung angekauft – darunter „Die silberne Schürze meiner Mutter –, der Rest ist auf Schloss Tirol geblieben. Zelebriert als knapp 30-teilige, berührende Hommage an die geliebte Mutter, die der Vater in der Erinnerung des damals fünfjährigen Sohnes gegen ihren Willen regelrecht an den Beinen aus dem heimatlichen Eggental hinauszerren musste.

„Das Leben in der Südtiroler-Siedlung kam einem Ghetto gleich, jeder Schulweg war ein Kampf“, erinnerte sich Walter Pichler Jahre später. In seiner zeichnerischen Aufarbeitung der Vergangenheit geht es allerdings weniger um sein eigenes Trauma als um so etwas wie Wiedergutmachung an dem, was an seiner Mutter verbrochen worden ist. Deren letzter Rest an Lebensmut durch den Tod der taubstummen, dem NS-Euthanasieplan zum Opfer gefallenen Tochter geschwunden ist.

Viel Wut und Traurigkeit spricht aus dieser Bild gewordenen Trauerarbeit. In Blättern, die dem Nicht-Sagbaren, Nur-Fühlbaren Ausdruck verleihen. Da gibt es ganz stille, in atemberaubender Zärtlichkeit wie hingehaucht daherkommende Sequenzen, genauso wie mit expressiver Wucht sich von der Seele geschriene oder fast dekorativ mustrig in der Fläche ausgebreitete.

Eingebettet ist der Zyklus „Für meine Mutter“ in eine Reihe zwischen den 70er- und frühen 2000er-Jahren entstandener Zeichnungen, die, wie etwa die „Moritzen-Madonna“, unmittelbar mit Telfs zu tun haben. Sie ist düster, schluchtig schwarz, in anderen tauchen wiederum streng gebaute Kaskaden auf, erinnernd an die skulpturale Handschrift des späteren Pichler.

Mit real Dreidimensionalem kann die Schau leider nicht aufwarten, außer mit dem von Pichler in den 1960er-Jahren entworfenen, mit rotem Leder bezogenen, aus Aluminium gebauten Stuhl „Galaxy 1“ samt dazupassendem Tisch. Entwürfe aus einer Zeit, in der Pichler gemeinsam mit Hans Hollein und Heinz Tesar an visionären räumlichen Prototypen getüftelt hat.