Letztes Update am Mo, 19.08.2019 07:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Leiter des Volkskunstmuseums: „Trachten sind textile Emotionen“

Volkskunst hatte lange Zeit ein verstaubtes, ein reaktionäres Image. Das hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Ein Gespräch mit Karl C. Berger, der das Tiroler Volkskunstmuseum leitet.

Karl C. Berger, Jahrgang 1976, sieht das Volkskunstmuseum als einen Ort der Begegnung und der Vernetzung.

© Vanessa Rachlé / TTKarl C. Berger, Jahrgang 1976, sieht das Volkskunstmuseum als einen Ort der Begegnung und der Vernetzung.



Herr Berger, Sie arbeiten seit über zehn Jahren im Tiroler Volkskunstmuseum, seit 2015 haben Sie die Leitung übernommen. Ihr Büro ist mit historischen Möbelstücken ausgestattet. Warum haben Sie die Einrichtungsgegenstände Ihrer Vorgänger übernommen?

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Karl C. Berger: In einem Museum ist man ständig von historischen Objekten umgeben. So gesehen ist auch mein Büro ein wenig wie ein Museum. (lacht) Das finde ich passend, denn schließlich lebe ich auch mit Entscheidungen, die vor vielen Jahrzehnten getroffen wurden. Diesen Umstand empfinde ich aber keineswegs als Korsett. Ich arbeite mit diesen Gegebenheiten und bringe neue Ideen ein. Außerdem sind diese Möbel nur von der Materialität her gleich geblieben. Sie stehen in einem völlig neuen Kontext und werden von Menschen benützt, die über ganz andere Themen sprechen.

Welches Gespräch ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben, das Sie auf dieser Garnitur geführt haben?

Berger: 2010 haben wir etwa über unsere erste Sonderausstellung zum Thema Schmerz diskutiert. Es ging damals schon um die Ausstellungsgestaltung, und uns wurde bewusst, dass wir die 30 Jahre alten Vitrinen für die Präsentation nicht mehr verwenden können. Architekt Benno Simma saß auch an diesem Tisch. Ich erklärte ihm unser neues Konzept. Er schwieg und hörte mir zu. Als ich mit meinen Ausführungen fertig war, sagte er mir, dass er bisher einen großen Bogen um dieses Museum gemacht habe, nun aber mit uns arbeiten wolle. Nicht zuletzt dank seiner Gestaltung war die Ausstellung nicht antiquiert und wir konnten bei den Besuchern Emotionen erzeugen.

In welche Richtung hat sich das Volkskunstmuseum dann weiterentwickelt?

Berger: Zusammen mit der ehemaligen Leiterin Herlinde Menardi haben wir mit der Neuaufstellung 2009 damit begonnen, die Volkskunst in all ihren Facetten zu zeigen. Wir haben uns lebensnahen Themen zugewandt und die historische Chronologie durchbrochen. Unsere Ausstellungen sind deshalb thematisch strukturiert. Moderne Objekte stehen seither neben alten. Will man mit historischen Objekten arbeiten, dann muss man immer die Gegenwart, vielleicht sogar die Zukunft im Auge behalten.

Warum ist es so wichtig, diese zeitlichen Dimensionen zu berücksichtigen?

Berger: Ein Museum darf nicht nur auf die Vergangenheit fokussieren, sondern muss die Gegenwart immer im Blick haben. Das hat etwa die Ausstellung über das Rauchen gezeigt. Das ambivalente Verhältnis zum Rauchen kommt schon in den Quellen des 16. Jahrhunderts vor. Einerseits wurde es als Heilmittel gepriesen und im nächsten Moment aber wieder verteufelt. Hier gibt es viele Bezüge zur Gegenwart.

Welche Ausstellungen stehen demnächst auf dem Programm?

Berger: Es gibt eine Hauptausstellung zum Thema Tracht im Frühjahr 2020. Wir haben vor fünf Jahren ein Projekt mit der Universität Innsbruck begonnen, das sich mit Trachtenpraxis beschäftigt. Trachten sind textile Emotionen. Man kann sehr viele Geschichten über sie erzählen.

Die Tracht wurde auch für ideologische Zwecke missbraucht.

Berger: Ja, die Tracht war nie etwas Individuelles, sie verwies stets auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Damit wurden im Mittelalter soziale Unterschiede zum Ausdruck gebracht. Die Tracht war so gesehen immer schon politisch. In der NS-Zeit hieß es dann: Wer jüdisch ist, darf keine Tracht tragen. Die Ablehnung der Volkskultur hat mit dieser politischen Aneignung zu tun.

Die ideologische Aneignung hat der Volkskunst geschadet. Im Vergleich zur „hohen“ Kunst hatte sie oft auch einen geringeren Stellenwert. Wie sehen Sie diesen Sachverhalt?

Berger: Ich glaube, die Volkskunst hatte lange Zeit ein rückständiges, verstaubtes, ein reaktionäres Image. Konservative, zum Teil überholte Forschungsmeinungen hielten sich sehr lange. Neue Denkanstöße wurden nicht unbedingt positiv gesehen, sondern vielmehr als Bedrohung. Ich denke aber, dass es eine neue Generation gibt, die kritisch genug ist, ein differenziertes Bild von der Volkskunst zu entwickeln.

Was fasziniert Sie an der „Volkskunst“?

Berger: Da gibt es viel Faszinierendes, sofern man Volkskunst nicht als etwas ausschließlich Rückwärtsgewandtes begreift. Vor allem aber wird in der Volkskunst sichtbar, dass die Gegenwart durch die Erfahrungen vergangener Zeiten geprägt ist. Darin sehe ich ein unglaublich großes Potenzial.

Auf welche Aktivitäten setzen Sie, abseits von Ausstellungen?

Berger: Unser Standort, mitten in der Stadt, trägt dazu bei, dass wir am Puls der Zeit bleiben. Wir waren heuer beispielsweise Schauplatz großer Feste, etwa des „Festes der Vielfalt“. Diese Formate fördern die Vernetzung und mildern die Schwellenangst der Museumsbesucher, denn Ausstellungen dürfen nicht der einzige Grund sein, warum Leute ins Museum gehen.

Gibt es ein Thema, das Ihnen sehr am Herzen liegt?

Berger: Es gibt viele Bereiche der Migration, die im Museum noch unterrepräsentiert sind. Die Italiener zum Beispiel, die aufgrund des Eisenbahnbaus nach Innsbruck gekommen sind.

Die Tiroler Landesmuseen werden demnächst einen neuen Direktor bekommen. Sind Sie mit Herrn Assmann schon in einem regen Austausch?

Berger: Ich stehe mit ihm in einem guten Kontakt. Er fragt mich oft scherzhaft, wie es seinem Urgroßvater ginge. Die Figurine zur Zammer Tracht bei uns im Museum trägt nämlich dessen Porträt. Der Landtagsabgeordnete und ehemalige Minister Alois Haueis war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine einflussreiche Persönlichkeit. So gesehen kennt Herr Assmann unser Museum gut. Das sind ideale Voraussetzungen. Sein Vater war außerdem Volkskundler, das lässt viele Diskussionen im Detail zu.

Welche Forderungen werden Sie an den neuen Direktor stellen?

Berger: Das kann ich Ihnen jetzt nicht verraten (lacht), aber es sind eher Wünsche, keine Forderungen. Natürlich reicht ein motiviertes, engagiertes Team nicht aus, um Ideen umzusetzen. Man braucht auch finanzielle Mittel. Darüber werden wir diskutieren, aber mir ist bewusst, dass Herr Assmann nicht der heilige Nikolaus ist, bei dem man uneingeschränkt seine Wünsche deponieren kann.

Das Gespräch führte Gerlinde Tamerl

Zur Person

Karl C. Berger, geb. 1976, wuchs in Matrei i. O. auf und lebt mit seiner Familie in Flirsch am Arlberg. Er studierte Volkskunde sowie Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck und war dort von 2001 bis 2008 als Vertragsassistent tätig. Seit 2008 arbeitet er im Tiroler Volkskunstmuseum, das er seit 2015 leitet.