Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 22.08.2019


Kunst

“Ökokino“ im Taxispalais: Liebhaberin statt Mutter Natur

Die Kunsthalle Tirol im Taxispalais wird temporär zum „Ökokino“. Seine Möblierung ist streng bio, wer sich Antworten zur Klimaproblematik erwartet, muss enttäuscht werden.

In der in ein kleines Wäldchen verwandelten Hofhalle wird u. a. ein Film von Marwa Arsanios gezeigt.

© KresserIn der in ein kleines Wäldchen verwandelten Hofhalle wird u. a. ein Film von Marwa Arsanios gezeigt.



Von Edith Schlocker

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Innsbruck – Die im Frühjahr 2018 mit einer Ausstellung zum Thema „Lieben“ gestartete Trilogie, der als Teil zwei „Sex“ folgte und nun eigentlich mit einer Schau unter dem Vorzeichen „Lachen“ komplettiert werden sollte, bleibt – entgegen den Vorankündigungen – vorerst unvollendet. Aus „Gründen der Aktualität“, wie Nina Tabassomi, die Leiterin der Kunsthalle Tirol sagt. Liefert die globale Klimaproblematik doch absolut keinen Grund zum Lachen, weshalb der Ort, an dem man sich eigentlich Kunst auf internationalem Niveau erwarten würde, bis Anfang November in ein „Ökokino“ verwandelt worden ist.

In dessen etwa mit original Tiroler Schafwolle akustisch fit gemachten Räumen sozusagen ein kleines Filmfestival abläuft, in dem es um den Zustand der Welt geht. Verhandelt in den unterschiedlichsten Formaten und Perspektiven. Wer sich allerdings Zukunftslösungen erwartet, muss enttäuscht werden. Um sich auf das Gezeigte einzulassen, braucht der Besucher viel Zeit. Um alle 13 – fast ausschließlich englischsprachigen, zwischen drei Minuten und eineinhalb Stunden langen – Streifen zu sehen rund zehn Stunden. Um das zeitlich zu schaffen, werden dem Besucher mit einem Ticket vier Anläufe eingeräumt.

Während es in dem Gezeigten durchwegs nicht um den Film als Medium der Kunst geht, ist die Ausstattung der zu „Kinosälen“ umfunktionierten Ausstellungsräume wenn nicht kunst-, so doch sehr fantasievoll. So wurde etwa die Hofhalle in ein kleines, fein durchwegtes Wäldchen mit einem Boden aus Rindenhäcksel verwandelt, in das Hängematten aus grünem Tiroler Loden gehängt sind, in denen bequem sitzend man sich drei Filme zum Thema „Praktiken“ anschauen kann. Etwa Rosalind Nashashibis Streifen „Vivian’s Garden“ von 2017, in dem es um eine komplexe Mutter-Tochter-Beziehung geht, in der ein üppiger Garten in Guatemala eine zentrale Rolle spielt.

In den kargen kurdischen Bergen ist dagegen Marwa Arsanios’ Film „Who is afraid of ideology?“ (2017) angesiedelt. Erzählt aus der konkreten Lebenssituation einer autonomen Frauenbewegung heraus, die ihre Ziele vor dem Hintergrund von Krieg, Feudalismus, religiösen Spannungen und wirtschaftlichen Problemen ausfechten muss, und das – ob sie will oder nicht – im Einklang mit der Natur. „Auch wir sind biologisch abbaubar“ ist der Schlüsselsatz in Kjersti Vetterstads 2014 entstandenem Streifen „The Argonaut“. Sich drehend um eine südamerikanische Einsiedlerin und ihre existenzielle Fragen aufwerfende Navigation durch den heimatlichen Boden.

Sozusagen als Einstimmung auf den filmischen Reigen taugen drei Kurzfilme, darunter die Dokumentation des Vortrags von Greta Thunberg exakt vor einem Jahr, der weltweit Wellen schlagen sollte. „System Change, not Climate Change!“ forderte während des Klimagipfels „R20 Austrian World Summit“ auch in Wien die junge Klimaaktivistin Lucia Steinwender, die während einer Rede von Bundeskanzler Sebastian Kurz diesem ungebeten das Mikrofon aus der Hand nahm. Schaurig schön geht es dagegen in Nikolaus Gansterers & Khadija von Zinnenburg Carrolls in der Ruine einer ehemaligen Eisfabrik in der omanischen Wüste entstandenem Streifen „Desert Ice Factory“ zu.

In dem Raum, in dem in vier Varianten Vorschlänge gemacht werden, wie man im Einklang mit der Natur leben könnte, riecht es kräftig nach den zu Sitzgelegenheiten umfunktionierten Heuballen. Dazu passt der in der tiefsten US-amerikanischen Provinz angesiedelte Streifen „Goodbye Gauley Mountain“ von Annie Sprinkle & Beth Stephens, in dem sie den Begriff „Ökosexualität“ ins Spiel bringen, während die beiden in ihrem schrägen Film mit viel poetisch garnierter Ironie dazu auffordern, die Natur nicht als Mutter, sondern als Liebhaberin zu begreifen. Die Grenzen zwischen Mensch, Tier und Maschine thematisiert dagegen Fabrizio Terranova in epischer Breite in 81 Minuten, noch zehn Minuten länger ist John Chesters „The Biggest Little Farm“, der von der jahrelangen Suche eines Paares erzählt, sein Leben in Einklang mit der Natur zu bringen.

Dass das Thema Natur absolut nicht neu ist, führt in dem mit Dinkelspänen belegten und Sitzsäcken bestückten Saal 3 etwa der Streifen „The Silent Spring of Rachel Carsons“ von Jay L. McMullen vor. Eine CBS-Dokumentation, die die bereits in den frühen 1960er-Jahren geführte Kontroverse rund um den Einsatz von Pestiziden belegt.

Popcorn gibt es im temporären „Ökokino“ zwar nicht, die Getränke bzw. Kekse, mit denen der Kühlschrank und die Vitrine für hungrige Kinogänger gefüllt ist, sind aber natürlich alle bio und aus heimischen Produkten hergestellt, wenn auch pikanterweise teilweise in Plastik verpackt.




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