Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 11.09.2019


Kunst

„The Loaded Brush“: Malerische Synthesen aus Klassik und Pop

Pop-Art-Künstler Roy Lichtenstein von seiner kaum bekannten expressiven Seite: „The Loaded Brush“ in der Salzburger Galerie Thaddaeus Ropac.

Vom amerikanischen Popartisten Roy Lichtenstein 1987 zehn Jahre vor seinem Tod gemalt: „Artemis and Acteon“.

© Estate of Roy Lichtenstein/BildrVom amerikanischen Popartisten Roy Lichtenstein 1987 zehn Jahre vor seinem Tod gemalt: „Artemis and Acteon“.



Von Edith Schlocker

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Salzburg – Man muss schon ganz genau hinschauen, um in den teilweise riesigen Leinwänden, mit denen Thaddaeus Ropac seine in der noblen Salzburger Kastvilla eingenistete Galerie „tapeziert“ hat, Roy Lichtenstein als deren Macher zu vermuten. So grundlegend anderes assoziiert man spontan mit der Kunst des 1923 in New York geborenen Popartist, der durch seine plakativ gepunkteten, sich der Ästhetik von Comics bedienenden Bilder die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts mitgeschrieben hat.

Wobei meist vergessen wird, dass Roy Lichtensteins Handschriften in seiner Früh- genauso wie Spätzeit komplett andere waren. Als die Großen des Expressionismus und Surrealismus seine Anreger waren oder auch der Großmeister der Renaissance, Tizian, dessen mythologische Darstellungen Lichtenstein etwa zu seinem Gemälde „Artemis and Acteon“ inspiriert haben. Ausgebreitet in Acryl und Öl auf einer rund zwei mal drei Meter großen Leinwand, stellt dieses erstmals in Europa ausge­stellte Werk den absoluten Höhepunkt der Salzburger Lichtenstein-Personale dar.

In für ihn ungewohnt bauchigem Gestus wird hier die verhängnisvolle Begegnung des Jägers Acteon mit der mit ihren Nymphen badenden Göttin Diana nacherzählt. Die Pinselführung ist impulsiv, das Inhaltliche weitgehend reduziert zu fast abstrakten, in einer leuchtenden Farbigkeit ausgetragenen Ausdrucks- und Stimmungsträgern. Partiell kombiniert mit vage an Lichtensteins Pop-Art-Tun erinnernden Sequenzen.

Neben diesem Schlüsselwerk des Lichtenstein’schen Spätwerks zeigt die Ausstellung „The Loaded Brush“ eine ganze Reihe von Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und Collagen aus dieser wenig bekannten Phase seines Werks. Die einzigartigen Synthesen aus Klassischem, klassisch Modernem und Pop-Art sind Extrakte eines langen, sich immer wieder wandelnden, kritisch selbstreflektiven Lebenswerks.

Während in Lichtensteins populären, formal werbeästhetisch plakativ zelebrierten Arbeiten Comicfiguren oder Objekte des täglichen Lebens dominieren, werden ab den 1980er-Jahren auch malerisch sezierte Landschaften und Blumenbilder immer mehr zu seinem Thema. Dass die Basis jedes großen Künstlers die Zeichnung ist, belegen seine ebenfalls in der Schau gezeigten. Angelegt einerseits als tastende Annäherungen an groß angelegte Bilderfindungen, bisweilen aber auch durchaus als autonom Gemeintes. Nicht fehlen dürfen in der Salzburger Lichtenstein-Personale aber auch einige skulpturale Objekte, die letztlich nichts anderes als in die dritte Dimension ausgreifende Malereien sind.